Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. | ^07
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baues auf den Feldern Nr. 2, da diese Inangriffnahme nach der Preis
erhöhung eintritt 1 ). Und weiter! Die Wirkung dieser neuen Bewirtschaf
tung wird nicht darin bestehen, die Bildung der Rente hervorzurufen,
sondern im Gegenteil ihr entgegen zu wirken —, indem sie dem weiteren
Steigen der Preise Einhalt tut, weil dieser Steigerung durch die Vermeh
rung der auf dem Markt befindlichen Menge Grenzen gezogen werden.
Die Rente von den Feldern Nr. 1 ist daher eine Seltenheitsrente, die un
mittelbar auf dem Steigen der Nachfrage beruht und von jeder Verschieden
heit in der Güte der Felder unabhängig ist. Die wirkliche Ursache der
Rente auf allen Feldern (auf denen der besten wie der schlechtesten Be
schaffenheit) ist daher stets dieselbe: die Unzulänglichkeit des Angebots
im Verhältnis zur Nachfrage.
Der gleiche Gedankengang läßt sich auf alle anderen Differential
renten anwenden, die in dem. vorhergehenden Paragraphen aufgeführt
worden sind, — womit sich dann die Schlußfolgerung aufdrängt, daß
die Rente unter allen ihren Formen nicht eine Anomalie, sondern eine
durchaus normale Folge der allgemeinen Wertgesetze ist. Überall dort, \
wo aus irgendeinem Grunde der Preis eines Produktes einen Seltenheits
wert erlangt und die Produktionskosten übersteigt (diese Gründe können
zahlreich sein), ergibt sich für den Verkäufer dieses Produktes eine Rente.
Dies ist die allgemeine Formel, zu der man auf diese Weise geführt wird,
eine Formel, die von dem Gesetz des sinkenden Ertrages oder der un
gleichmäßigen Fruchtbarkeit der Felder durchaus unabhängig ist 2 ).
Zu dieser Folgerung ist man jedoch nicht so ohne weiteres gelangt.
Die englische Volkswirtschaftslehre, die ganz von den Ideen Ricaedo’s
durchtränkt ist, hängt auch heute noch an der Auffassung der Differential-
j^nte. Die festländischen Volkswirtschaftler haben im Gegenteil in der
Rente sehr bald eine einfache Anwendung des Gesetzes von Angebot
l ) Dieses Argument führt schon J.-B. Say in seiner Polemik gegen Ricardo an.
^ sagt: „Wer sieht nicht ein: wenn das Anwachsen der gesellschaftlichen Bedürfnisse
e n Getreidepreis auf eine Höhe treibt, die es gestattet, die schlechtesten Felder in
°wirtschaftung zu nehmen, vorausgesetzt man kann auf ihnen den Lohn seiner Arbeit
Uüd den Profit seines Kapitales finden, erst dies Anwachsen der gesellschaftlichen
edürfnisse und der Preis, den die Gesellschaft zu zahlen imstande ist, um Getreide zu
erlangen, es ermöglichen, einen Grund- und Bodenprofit auf den besseren oder günstiger
gelegenen Feldern zu finden?“ (Traitö, 6. Ausg. S. 410). Er fährt fort, indem er sagt:
’ . ■ Ricardo zeigt in demselben Kapitel sehr gut, daß der Grund- und Bodenprofit
ni cht die Ursache, sondern die Wirkung des Bedürfnisses ist, das für Getreide besteht;,
Ull d die Gründe, die er anführt, können dazu dienen, um gegen ihn zu beweisen, daß die
äderen Produktionskosten, besonders die Arbeitslöhne, ebensowenig die Ursache
®°ndern die Wirkung des Marktpreises der Produkte sind.“ — Kicardo scheint nahe
a ran gewesen zu sein, sich überzeugen zu lassen. Siehe S. 605 Anm. 3.
*) Die Theorie des wirtschaftlichen Gleichgewichts gestattet noch besser, die
Allgemeinheit der Tatsache der Bodenrente hervortreten zu lassen. Wir verweisen
'erüber auf den Cours von PARETOund das Werk von Sensi, La teoria della rendita.
H°m 1912.