Object: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschaunng. 
und vernichtet, findet in der Menschheit den Abschluß, daß 
schließlich die Menschen als denkende und erkennende Wesen 
ihre Lebensbedingungen, also ihre sozialen Zustände und 
alles, was damit zusammenhängt, zielbewußt beständig ändern, 
verbessern und vervollkommnen, und zwar in dem Sinne, 
daß schließlich für alle Menschenwesen gleich günstige Da— 
seinsbedingungen vorhanden sind.“ Ist dann der Ideal— 
zustand erreicht, so wirkt er „schließlich dergestalt auf die 
Intelligenz und Einsicht ein, daß der Gedanke an Herrschaft 
über andere gar keinen Platz in einem Gehirn mehr findet“. 
Man sieht: eine ins Utopische umgebogene physiologische Ent— 
wicklungsethik. 
Was sich aber bei dem Versuche Bebels, die Entwicklungs— 
lehre für eine sozialistische Moral in Anspruch zu nehmen, 
zeigt: daß nämlich ein solches Vorhaben nur durchführbar ist 
unter Beugung der evolutionistischen Thatsachen oder des ge— 
sunden Menschenverstandes, das ließe sich ebenso an den Ver— 
suchen individualistischer Ethik nachweisen, die auf Darwins 
Anschauungen hin gemacht worden sind. In Wahrheit ver— 
hält sich eben die Thatsache der Entwicklung zu dem großen 
ethischen Problem des Gegensatzes zwischen Altruismus und 
Egoismus indifferent, oder vielmehr sie umschließt es: eben 
im Verlaufe der Entwicklung wird dieser Gegensatz abgewandelt 
und veredelt und — so gebietet vielleicht eine frohe Hoffnung — 
endlich einmal in einer noch nicht vorauszusehenden Weise 
gelöst werden. 
Aus diesen Zusammenhängen ergiebt sich, daß die 
eigentliche Aufgabe einer Ethik noch des intellektualistisch— 
wissenschaftlichen Zeitalters nicht so sehr auf ein bloß evo— 
lutionistisches System hinauslaufen konnte, als vielmehr in 
dem Versuche gipfeln mußte eines zeitgemäßen Ausgleichs 
individual- und sozialethischer Prinzipien auf modern-wissen— 
schaftlicher, und das heißt von metaphysischer Anschauung 
losgelöster Grundlage, unter gleichzeitiger Einführung der— 
jenigen entwicklungsgeschichtlichen Momente, die sich der ein— 
gehendsten wissenschaftlichen Prüfung als haltbar und darum
	        
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