V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
Periode unserer neuhochdeutschen Literatur, mit Gefühlen der Ehrfurcht
und der Dankbarkeit gegenüberstehen. Diese Gefühle kann ihr
das deutsche Judentum, das zu jener Zeit noch gar nicht ins Gemeinschaftsleben
der deutschen Volksgemeinschaft eingetreien war,
gleich ursprünglich und gefühlsmäßig sicher nicht entgegenbringen.
Daß die geistig führende Schicht des Judentums in diesen und
andern Fragen der Führung dem Deutschtum ihre Ansichten aufzudrängen
versucht, bewußt oder unbewußt, ist sehr natürlich. Daß
ein deutsches Ich, das seines Deutschtums sich bewußt ist, diese Ansichten
ablehnt, und nicht nur ablehnt, sondern auch abwehrt, ist
das gute Recht des Deutschtums. Dieser geistige Kampf ist zenau
so notwendig wie der Kampf zwischen sozialer und kapitalistischer,
zwischen liberaler und konservativer, zwischen staatsbürgerlicher
und weltbürgerlicher Grundansschauung. Ein Interesse daran, die
Notwendigkeit dieses Kampfes zu verneinen, hat selbstverständlich
nur die jüdische Schicht, die in diesem Kampfe die Führung hat;
denn würde die Notwendigkeit allgemein verneint, so hätte sie den
Kampf auf der ganzen Linie gewonnen. Dieser Gefahr glauben die
ausgesprochenen Antisemiten nur dadurch begegnen zu können, daß
sie eine Unterscheidung ablehnen und im Judentum nur die eine gemeingefährliche
Masse sehen, wie die Sozialdemokratie lange Zeit
im Bürgertum ,,die eine reaktionäre Masse‘ sah.
Wer die Dinge ohne Brille und Scheuklappen ansieht, kann sich
aber der Erkenntnis nicht wohl verschließen, daß auch das jüdische
Ich zeitlichen Wandlungen unterliegt und räumliche Verschiedenheit
aufweist. Der romantisch-deutschtümelnde Heine der zwanziger Jahre
war ein anderer als der bissige Satiriker der dreißiger und vierziger
Jahre. Und wer am Dichter des Wintermärchens und anderer
Ausfälle vom Standpunkt der Gegenwart aus das ,,vorsschriftsmäßige“"
völkische Ärgernis nimmt, der soll doch auch nicht vergessen,
welch sschamlosser Niedertracht eine greisenhafte Behörde
wie der Deutsche Bundestag gegen das „„Junge Deutschland“’ von
damals fähig war. Einem ganzen Geschlechte junger Schriftsteller
nicht nur die vorhandenen, sondern auch die künftigen. Werke zu
verbieten, heißt ihm die geistige Lebensluft abschnüren und es wirt-(
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