Full text : Das Ich und der Staat

VI. Deutsche Diesseitsreligion 1 1
Sehnsucht nach Ausfüllung der Leere empfinden, wie sie sselbst sie
empfunden haben.
Und nicht nur das, jeder Glaube, wenn er nur echt und ehrlich
ist, hat das Recht, Achtung zu fordern auch von denen, die ihn
nicht teilen. Auch die deutsche Diesseits-Religion, der Glaube an
den deutschen Staat, hat das Recht, Achtung für sich zu fordern
und, wenn er kann, diese Achtung zu erzwingen, wo sie ihm
versagt wird.
So haben die Griechen und die Römer an ihren Staat geglaubt,
die uns — während die staatliche Erziehung im Zeichen des humanistischen
 Gymnasiums stand ~ als unerreichte Vorbilder gerühmt
wurden. Wär’ es nicht an der Zeit, mit ihrer Nachfolge endlich
ernst zu machen?
Der grundlegende Satz des Glaubens an den deutschen Staat ist
der, daß er das deutsche Ich als Selbstzweck, oder gar als Mittel
für außerdeutsche oder gar feindliche Zwecke verneint.
Indem er das Ich als Selbstzweck verneint, erhebt er es auf
die feste Grundlage gemeinverbindlicher Sittlichkeit. Das sittliche
Handeln beginnt da, wo das Ich nicht mehr um sseiner selbst
willen, sondern um einer Sache willen so handelt, wie es handeln
zu müssen glaubt. Diese Sache, worauf alles Handeln des Ichs,
bewußt oder unbewußt, bezogen sein soll, ist der Staat, die
Lebensform der deutsschvölkischen Schicksalsgemeinschaft. Nicht der
Staat, als mehr oder minder allgemeiner Begriff, sondern der
lebendige und gegenwärtige Staat, der Organismus, der dem deutschen
 Ich gegeben ward als Mittel, um dadurch für die Menschheit
zu wirken. So und nicht anders vermögen wir Menschen der Gegenwart
 Kants kategorischen Imperativ zu verstehen.
Der notwendige „„Stoffwechsel‘“ im Organismus Staat vollzieht
sich derart, daß immer neue Massen von Ichs aus dem Zeitlosen
in seine Zeitlichkeit eintreten ~ während andere Massen aus seiner
Zeitlichkeit ausscheiden, in die Ewigkeit, ins Jenseits oder wie die
stammelnden Bezeichnungen alle heißen, womit das lebende Ich in
Demut seine Unkenntnis des großen Rätsels bezeugt, dem es
entgegenlebt.
Diese stetige Selbsterneuerung, durch den Eintritt neuer Massen-19


            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.