Full text: Das Ich und der Staat

II. Das Jch in staatlicher Erziehung 
kommt, einer männlichen und einer weiblichen. Soll man sie auf 
der Schulbank trennen oder gemeinsam erziehen? Da die männlichen 
und .weiblichen Ichs später im gleichen Staat miteinander aus- 
kommen müssen: warum eigentlich nicht? Nachdem doch der Staat 
Männer und Frauen grundsätzlich als gleichberechtigt anerkennt! Der 
alte Staat, der die allgemeine Wehrpflicht hatte, konnte und mußte 
Unterschiede machen. Und da er der Frau nicht die gleichen Pflichten 
gegenüber dem Staat auferlegte wie dem Mann, ihr dafür auch 
allerlei Rechte vorenthielt, so hatte der Streit darum, ob man 
Knaben und Mädchen gemeinsam oder getrennt erziehen solle, 
wenigstens einen Sinn. Im Staate dagegen, der die staatsbürger- 
lichen Rechte und Pflichten an Frauen und Männer gleichmäßig ver- 
teilt, hat dieser Streit jede grundsätzliche Bedeutung verloren. Und 
um Grundsätze ~J nicht um Einzelheiten der Ausführung ~ handelt 
es sich hier. Grundsätze für die Erziehung künftiger Staatsbürger 
aufzustellen, ist Sache der Allgemeinheit; die praktische Durch- 
führung ist Sache der Fachleute, und wenn sie, aus Gründen ört- 
licher oder zeitlicher Zweckmäßigkeit, die getrennte Erziehung beibe- 
halten, so ist das ja immer noch kein Verstoß gegen den Grundsatz, 
daß der Staat der Gegenwart, seiner eigenen Natur entsprechend, 
die gemeinsame Erziehung nicht wohl verbieten kann. 
Gerade bei der körperlichen Ausbildung aber wird zu gegebener 
Zeit eine getrennte Behandlung des männlichen und des weiblichen 
Ichs vielleicht ~ vielleicht auch nicht, das wird nur die Praxis ent- 
scheiden können nicht zu umgehen sein. Man hat seinerzeit leiden- 
schaftlich gestritten um die Frage der „sexuellen Aufklärung““ in der 
Schule. Diese Frage bekommt ein wesentlich anderes Gesicht, wenn 
die körperliche Ausbildung unter den Gesichtspunkt einer Körper- 
pflege gestellt wird, deren oberstes Gebot heißt: Mißhandle deinen 
Körper nicht, denn er gehört nicht dir! Erfolgreich wird hier 
wie überall nur ein Zusammenwirken von Schule und Familie zum 
gleichen Ziele hin sein können. In einer Familie, wo natürliche 
Dinge natürlich, also weder zimperlich noch roh behandelt werden, 
wird das ,,sexuelle‘“ Problem bis zum schulpflichtigen Alter kaum 
eine Rolle für das werdende Ich spielen. In der Schule wird alles 
darauf ankommen, daß allmählich das Pflichtbewußtsein des Ichs 
gegen sich selbst entwickelt wird, bedingt durch die Pflichten, die das 
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