II. Das Jch in staatlicher Erziehung.
stigen Verkehrsmittel der Sprache wird dem Ich kein ein für allemal
Gegebenes vorgelegt, sondern ein Gewordenes, das in der Volksgemeinschaft
lebendig lebt, sich in jedem Augenblick aus sich heraus
erneut und neuen Wandlungen entgegenstrebt. Wie es ward, läßt
sich ein gut Stück nach rückwärts verfolgen. Wir gewinnen dadurch
tiefen Einblick in den Geist unseres Volkstums, Einblick in das allgemeine
Gesetz dieses Werdens aber gewinnen wir nur sehr kümmerlich.
Warum die Sprache sich wandelt, und warum gerade so, wie
sie sich gewandelt hat, das ist eine Frage, die sich aus bloßer Nebeneinanderstellung
der geschichtlich gegebenen Tatsachen nicht beantworten
läßt.
Und doch lebt in der Kulturmenschheit die feste Überzeugung, daß
allss Werden sich nach einem bestimmten Gesetz vollziehe, demzufolge,
wenn die Ursache gegeben sei, die Wirkung zeitlich folgen
müsse. Dies Gesetz ist der Leitfaden, woran das Ich sich in seiner
Umwelt zurechtzufinden sucht. Das Gesetz des Werdens ~ oder
Gesetz der Kausalität, wie der gebildete Deutsche lieber sagt — gilt
nicht mehr, wenn das Ich sich so weit in sich selbst zurückzieht, wie
es ihm, freilich nur unwillkürlich, möglich ist: wenn das Ich schläft.
Dann wandeln sich im Traume die Erscheinungen ohne zureichenden
Grund. Sonst aber, im Wachen, verlangt das Ich für jede Willensregung,
die es wahrnimmt, einen zureichenden Grund, und für jede
neue Erscheinung, die in seinen Gesichtskreis tritt, eine wirkende
Ursache. Und spricht doch nie von Ursache und Wirkung, wenn auf
eine Erscheinung die andere so sicher folgt, wie auf den Tag die
Nacht oder auf den Sommer der Winter! Da scheint mit der landläufigen
Formung des Gesetzes, daß, wenn das eine gegeben sei,
das andere folgen müsse, also auch etwas nicht zu stimmen.
In der Tat handelt es sich beim Gesetz von Ursache und Wirkung
nicht um eine einfache Folge. Ich lege einen Schneeball auf den
warmen Ofen, wo er schmilzt. Ich sage: die Wärme des Ofens ist
die Ursache, daß der Schnee schmolz. Was ist hier die Wirkung?
Eine Wasserpfütze auf dem Ofen. Und die Ursache? Weder der
Schneeball allein, noch die Ofenwärme allein, sondern das örtliche
Zusammenkommen von beiden. Wie aber geschah das? Ich mußte
zu dem Ende hinausgehen in den Garten und eine Hand voll Schnee
greifen und zusammendrücken, und vorher mußte der Schnee ge-2
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