200 Das Verständnis der Quellen
vollen Verständnisses zu erreichen, muß man die angege-
benen Mittel gebrauchen, zugleich aber in der Anwendung
derselben sich vor vielbetretenen Irrwegen hüten.
1. Ein Irrweg ist es zunächst, wenn man aus falscher
Wißbegierde zuviel in den Text hineinlegt. Eine solche
Auslegung findet in ganz nichtssagenden Kleinigkeiten große
Geheimnisse und weiß jedem Texte wunderbare Mysteria
zu entlocken, für die bei einer nüchternen methodischen
Interpretation gar kein Anhaltspunkt gegeben ist. Sie legt
Nicht aus, sondern unter.
Klassische Beispiele dieser Interpretation per excessum bieten uns
die Anhänger der allegorisierenden Methode, wie sie namentlich in der
alexandrinischen Schule vor alters im Schwunge war. Für jede be-
liebige Zahl, die in einem Bibeltexte ihnen begegnete, wußten sie eine
oder mehrere tiefe Bedeutungen anzugeben, auf deren Erklärung sie
oft viel geistreichen Scharfsinn verschwendeten. Man begnügte sich
dabei nicht mit den herkömmlichen Spielereien bei den gewöhnlichen
Zahlen von 1 bis 10. Auch beim 38jährigen Kranken und bei den
153 Fischen des zweiten wunderbaren Fischfanges wußte man genau
den tiefen Grund und die verborgene Bedeutung dieser Zahlen anzu-
geben. Und wie mit den Zahlen so versuchte man es fast mit jedem
kleinen Zuge in einer geschichtlichen Erzählung der Bibel. Noch viel
weiter über jede Grenze einer vernünftigen und berechtigten Erklärung
hinaus gingen die Gnostiker, von denen Irenaeus redet (Adv. haer. 1
ce. 1n. 5 ete.), und später die talmudischen Rabbiner mit ihren kab-
balistischen Phantastereien.
Man könnte diese ganze Richtung als längst begraben und ver-
gessen beirachten, wenn nicht einige Vertreter der modernen Wissen-
schaft in unseren Tagen ihr Andenken wieder aufleben ließen. Was
Alfred Loisy, Theodore Calmes’) (in abgeschwächter Form) und andere
Verteidiger der allegorischen Erklärung des vierten Evangeliums in die
Berichte des Erzählers hineindeuten, ist auf dem Wege einer metho-
dischen Auslegung gleich unerfindlich wie die alten symbolischen Deu-
teleien. Das gleiche gilt von Ernst Böklen, Adam und Qain im Lichte
der vergleichenden Mythenforschung (Leipzig 1907), der in den Er-
zählungen der ersten Kapitel Genesis lauter ursprüngliche Mondmythen
findet, ähnlich wie Hugo Winckler und andere Anhänger der Astral-
Mmythentlreorie, Solche Ansichten stehen aber noch um eine Stufe tiefer,
*) Trotz ‚des Widerspruches von M. J. Lagrange (Rev, bibl. N. S. 5
[1908] 450 n. 2) muß ich 7A. Calmes zu /den Verteidigern einer ab-
geschwächten Form der allegorischen Erklärung des vierten Evange-
liums rechnen.