Full text : Wissenschaftliches Arbeiten

Falsches Verständnis 201
als die alten symbolischen Auslegungen, weil jene alten Allegoriker
mit wenigen Ausnahmen dem geschichtlichen Sinne des Textes doch
noch volle Gerechtigkeit widerfahren ließen und ihre symbolische Interpretation
 erst auf der Grundlage einer historischen Erklärung aufbauen
 wollten.
Andere Beispiele phantastischer Hyperinterpretation aus dem Gebiete
 der Geschichte zitiert Bernheim 595—9.
9, Ein anderer Irrweg führt in _entgegengesetzter
Richtung vom Ziele ab. Man findet zuwenig in einem
Texte und gelangt deshalb nicht zum vollen Verständnis
desselben.
Auf diesen falschen Weg gerät man überhaupt durch
oberflächliche Arbeitsweise und insbesondere durch Vernachlässigung
 oder oberflächliche Anwendung der verschiedenen
Mittel der sprachlichen und inhaltlichen Auslegung. Jeder
wird dafür auf seinem eigenen Arbeitsgebiete leicht zahlreiche
 Beispiele finden können.
3. Weit gefährlicher ist aber der Irrtum jener, die in
einem Text etwas anderes als den Gedanken des Autors
und wohl auch das gerade Gegenteil davon finden wollen.
Der Grund dieses verbreitetsten und verderblichsten
Fehlers kann sehr verschieden sein.
a) Zuweilen ist es Mangel an der notwendigen Sachkenntnis
 oder auch eine oberflächliche Arbeitsweise. Da
beide Ursachen die gleichen Wirkungen haben, lassen sie
sich im Einzelfall oft nur schwer voneinander unterscheiden,
Zuweilen wirken Beispiele solch falschen Verständnisses infolge
mangelnder Sachkenntnis in wohltuend erheiternder Weise auf die ermüdeten
 Kopfnerven eines armen Bücherlinges ein. Wenigstens eines
möge hier zu gemeinem Nutz und Frommen Platz finden. Der kgl.
ungarische Sektionsrat i. R. Johann Jedlicka versucht in seinem Buche
„Die Entstehung der Welt“ (Göttingen o. J. [1903]) eine „kritische Beleuchtung
 der Angaben des Alten Testamentes gegenüber der Wissenschaft“
 zu geben. Auf Seite 128 spricht er von dem berühmten „Sonne,
steh still“ (Josue 10, 12), jener „kolossal dummen Behauptung“, wie er
sich ausdrückt, und bemerkt dabei gegen Aemilian Schöpfers „Bibe
und Wissenschaft“ folgendes: „Es hat ferner den begründeten Anschein,
daß auch Ae. Schöpfer an dieses mystische Ereignis glaubt. Er schreibt
nämlich aaO. S. 32, daß der Ausspruch des Alten Testamentes, daß sich
die Sonne um die Erde bewege, wahr ist, weil der englische Lehrer
            
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