Falsches Verständnis 203
notwendigen Sprachkenntnisse zu suchen. Wie manche Bei-
spiele zeigen, gilt dies ebensowohl den alten wie den mo-
dernen Sprachen gegenüber. Zur vollen Beherrschung einer
fremden Sprache und zum vollen Verständnis aller feinen
Färbungen und Nuancen, deren sie fähig ist, gelangen doch
nur wenige Ausländer, selbst wenn sie mit dem theoreti-
schen Studium die praktische Übung im Gebrauch der
Sprache verbinden konnten.
c) Viel bedauerlicher ist aber falsches Verständnis infolge
von Vorurteilen und Voreingenommenheit für gewisse An-
schauungen und Meinungen. ‘Leider fehlt es nur zu häufig
an der vielgepriesenen wissenschaftlichen „Voraussetzungs-
losigkeit“, namentlich wenn gewisse liebgewordene Grund-
sätze oder gar religiöse und konfessionelle Fragen zu er-
örtern sind. Nur zu oft zeigt sich bei solchen Untersuch-
ungen der große Einfluß, den der menschliche Wille im
Bunde mit Phantasie und Gefühl auf das Erkenntnis-
vermögen ausübt. Kommen noch Ansichten und Urteile
über Personen und Einrichtungen hinzu, die man von Ju-
gend auf stets von anderen wiederholen hörte und die man
selber angenommen hat, ohne sie jemals einer ruhigen
Prüfung auf ihre objektive Berechtigung unterworfen zu
haben, so begreift sich leicht, daß es dem geistigen Auge
schwer wird, durch all diesen Nebel hindurch das Licht
der Wahrheit zu schauen, und bei Texten, die ganz andere
Anschauungen zur Voraussetzung haben, zum richtigen Ver-
ständnis durchzudringen.
Dabei ist der Unterschied zwischen Vorurteil und bös-
williger Absicht wohl zu beachten. Wenn wir uns über die
Macht der Vorurteile bei vielen unserer Gegner beklagen, so
sind wir doch weit davon entfernt, ihnen deshalb irgend-
welche Böswilligkeit zum Vorwurfe zu machen.
Ein sehr lehrreiches Beispiel für die Macht der Vorurteile und
ihren Einfluß auf die Interpretation der Quellentexte bietet die Ge-
schichte der wissenschaftlichen Leben -Jesu- Forschung seit den Tagen
des Wolfenbütteler Fragmentisten bis auf die Gegenwart. Wir sehen
in diesen anderthalb Jahrhunderten eine Hypothese nach der anderen