Full text : Wissenschaftliches Arbeiten

A Die Beurteilung der Quellen
Im allgemeinen werden zwei Punkte Beachtung verdienen:
 a) Von zwei Lesarten gebührt jener der Vorzug,
aus der sich die andere herleiten läßt; b) für gewöhnlich
ist die schwierigere Lesart der leichteren vorzuziehen, wenn
es sich nicht um rein mechanische Fehler handelt.
Der letztere Kanon wird in der Regel als von Joh. Jak. Griesbach
(1745—1812) herrührend bezeichnet, der ihn bei der kritischen Bearbeitung
 des neutestamentlichen Textes besonders zur Anwendung
brachte. Der gleiche Grundsatz hatte aber auch schon bei den alten
Textkritikern Geltung. So bemerkt zB. der hl. Augustin, wo er die
erleichternde Lesart „per prophetam dicentem“ statt „per Ieremiam
prophetam dicentem“ im Texte von Matth. 27,9 zurückweist (De consensu
 Evangelistarum 3 c. 7 n. 29. Migne, P. L. 34,1175): „Sed utatur
 ista defensione cui placet; mihi autem cur non placeat haec causa
est quia et plures codices habent Ieremiae nomen, et qui diligentius
in graecis exemplaribus Evangelium consideraverunt, in antiquioribus
 graecis ita se perhibent invenisse; et nulla fuit causa cur adderetur
 hoc nomen ut mendositas fieret, cur autem de nonnullis codicibus
 tolleretur, fuit utique causa ut hoc audax imperitia faceret,
cum turbaretur quaestione quod hoc testimonium apud Ieremiam non
inveniretur“.
Bei der Wahl der besseren Lesart verdient im allgemeinen auch
jene Handschrift eine besondere Beachtung, welche durch sinnlose
Worle oder andere grobe Fehler zeigt, daß der Abschreiber nichts
von dem verstand, was er schrieb. Denn in einem solchen Falle kann
man für gewöhnlich sicher sein, daß der Abschreiber keine absichtlichen
 Änderungen im Texte vornahm, um sich das Verständnis zu erleichtern.
 Außerdem können die sinnlosen Worte den Weg zur richtigen
 Lesart zeigen, da der Abschreiber das wiederzugeben suchte, was
er in seiner Vorlage zu sehen glaubte,
4. In bezug auf die Fehler sind die manigfachen Arten
und die verschiedenen Quellen derselben zu unterscheiden.
A. Die Arten lassen sich auf drei Gruppen zurückführen:
 Auslassungen, Hinzufügungen und Veränderungen.
Zu den Auslassungen gehören Verstümmelungen zu Anfang
oder am-Ende der Schrift und Lücken innerhalb des Textes.
Durch Hinzufügung einzelner oder mehrerer Worte oder
Sätze oder Abschnitte entstehen die sogenannten Interpolationen.
 Veränderungen betreffen entweder die Schreibart
(Orthographie) oder die Worttrennung oder die Zeichen-EP


            
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