Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

2 Die Beurteilung der Quellen 
oder Worte umstellt oder ausläßt oder wiederholt oder 
verwechselt. 
b) Bei den inneren Ursachen ist die Absicht und 
der freie Wille des Schreibers mit im Spiele. Es handelt 
sich dabei entweder um gutgemeinte, aber unrichtige Ver- 
besserungen, oder um absichtliche Fälschungen. Bei erste- 
ren ist sehr oft die „audax imperitia“ beteiligt, die nament- 
lich an maßloser und unberechtigter Konjekturalkritik ihre 
Freude hat. 
Bei der zweiten Klasse, nämlich den absichtlichen Fälschungen, 
können verschiedene Gründe maßgebend sein. Zumeist sind es ab- 
weichende Lehrmeinungen, in deren Interesse ein Text gefälscht wird. 
So haben zB. die orthodoxen Griechen bei manchen Väterstellen Texte 
geändert und ausradiert, um den Katholiken Beweise für ihre Lehre 
über das Hervorgehen des Hl. Geistes vom Valer und Sohne zu neh- 
men (U. Mannucci). Die Verstümmelung des Textes im Eingang des 
Briefes der Konzilsväter von Ephesus an den Klerus von Konstantinopel 
über die Verurteilung des Nestorius dürfle von der Kontroverse ZWi- 
schen Jerusalem und Ephesus über das Grab der Gottesmulter nicht 
unbeeinflußt sein. 
5. Ist der Fehler und womöglich seine Quelle erkannt, 
so bleibt der textkritischen Untersuchung noch die Be- 
richtigung derselben übrig. Sie wird bei den rein me- 
chanischen Fehlern in der Regel leichter sein. als bei den 
absichtlichen. Das Ziel dieser Korrekturarbeit muß stets 
sein, den ursprünglichen Text oder die älteste erreichbare 
Textgestalt herzustellen oder doch statt des Fehlers eine 
angemessenere Form des Textes zu bieten. Hypothese und 
Konjektur können bei dieser Arbeit gute und große Dienste 
leisten, wenn sie sich innerhalb der Schranken ihrer Be- 
rechtigung halten und mit klugem Verständnis und dis- 
kretem "Takt gehandhabt werden. Gerade bei diesem 
schwierigsten Teile seiner Aufgabe hat sich der kritische 
Meister zu zeigen und zu bewähren. Bei allseitiger Berück- 
sichtigung der äußeren und inneren Kriterien, die durch 
die äußeren Zeugen und die Beschaffenheit des Textes ge- 
geben sind, bei gründlicher Kenntnis aller in Betracht 
kommenden sprachlichen und sachlichen Verhältnisse und 
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