Verkehrte Titelmoden 325
sprichwörtlichen Zerstreutheit noch eher entschuldigen, wenn er selbst
bei einer Festschrift eine „disquisitio historico-critica de palearum [sic],
quae in Gratiani decreto inveniuntur“ herausgibt, wie es dem älteren
Johann Wilh. Bickell in Marburg 1827 passierte. Weniger schön ist
es jedenfalls, wenn die Festschrift der Universität Heidelberg vom
Jahre 1903 im ersten Bande auf dem Titel eines Teiles von den
Heidelberger morgenländischen Studien und Professoren „vor und be-
sonders im 19. Jahrhundert“ redet; ebenso ist es nicht ganz korrekt,
wenn Eberhard Nestle seine „Philologica sacra“ im Untertitel als „Be-
merkungen über die Urgestalt der Evangelien und Apostelgeschichte“
bezeichnet. Leider hat es der Druckfehlerteufel nicht gerade selten
sogar auf den Namen des Verfassers abgesehen. Kirnst Rowe zählt
17 Beispiele von „Druckfehlern in Verfassernamen“ auf in der „Zeit-
schrift für Bücherfreunde“ 7 (1903—04) 2,424—8 und die Reihe ließe
sich durch neue Beispiele leicht erweitern. Ein anderes schönes Bei-
spiel vom Druckfehler-Mi£geschick im Titel erzählt Zug. Mouton in
seinem Buch: L’art d’&ecrire un livre (Paris 1896) p. 326: Eine alte
Druckerei wollte eine Prachtausgabe des Telemaque veranstalten; der
herrliche Folioband war nur durch einen Druckfehler verunstaltet: auf
dem Titelblatt las man: Letemaque (nach der franz. Bearbeitung p. 188 f).
Hinsichtlich der Verfassernamen ist es eine andere üble Titelmode,
nur den halben Namen auf den Titel zu setzen, nämlich den Familien-
namen ohne den Vornamen, oder den letzteren bloß in einer unver-
ständlichen Abkürzung, die wieder längere bibliographische Nachfor-
schungen nötig macht. Solche interessante Forschungen sind natürlich
stets sehr willkommen, zumal sie einem regelmäßig recht gründlich
zeigen, womit man sich in seiner überflüssigen freien Zeit beschäftigen
könnte. Vgl. auch R. Klußmann in: Zentralbl. f. Bibl. 25 (1908) 518.
Von den Anonymen und Pseudonymen wollen wir hier lieber gar
nicht reden. Sie werden für wissenschaftliche Arbeiten doch nur in
seltenen Ausnahmefällen Berechtigung haben. Für nichtwissenschaftliche
Schriftstellerei bietet „Die Feder“ 9 (1906) 1520 einige praktische Winke
über die „Wahl des Pseudonyms“.
Schließlich sei noch einer überflüssigen Mode gedacht, die all-
mählich wenigstens bei den Titeln ihre Alleinherrschaft verliert. Es
ist der Gebrauch, jedesmal nach dem Haupt- und Untertitel, nach dem
Verfassernamen, dem Erscheinungsort und Jahr einen schönen Punkt
zu machen. Er dürfte in allen Fällen, wo es sich nicht um einen
eigentlichen vollen Satz handelt, gänzlich überflüssig sein ebensowie
bei den Kapitel- und Seitenüberschriften im Buche selbst. Möglichste
Vereinfachung des Zeichensetzung schadet nicht nur der Deutlichkeit
nicht, sondern kann derselben nur förderlich sein. Deshalb braucht
noch nicht jede durch die Klarheit geforderte Interpunktion weggelassen
zu werden.