Kapitel III. Die Solidaristen.
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Falle haben wir das Tauschsystem, oder aber, es gibt Leute, die mehr
erhalten, als sie geben, und diese sind, unter allen Umständen, und wie
man sie auch immer nennen möge, Parasiten oder Unterstützte, sie fallen
entweder unter die Rubrik Ausbeutung oder öffentliche Wohltätigkeit.
Eine andere Kritik am Solidarismus besteht darin, daß er der Ent
wicklung hindernd in den Weg trete und infolgedessen rückschrittlich
wirke. Sehen wir doch überall und sogar in dem Bereich der Biologie
ein beständiges Streben der Wesen nach Autonomie, nach Unabhängig
keit 1 ), eine beständige Arbeit, um das Individuum von den Ketten alter
Solidaritäten zu befreien, vom Saatkorn angefangen, das sich müht,
die Scholle zu durchbrechen und dem Himmel entgegenzuwachsen, bis
zum Luftschiffer und Flieger, die sich daran begeistern, endlich die schein
bar festesten Bande der Solidarität, die der Schwerkraft, die ihn an den
Boden fesselte, gebrochen zu haben. Im Strafrecht z. B. lehnen wir uns
mit Entrüstung gegen die kollektive Verantwortlichkeit der Familie
und des Stammes auf, die den primitiven Gesellschaften so gerecht er
schien, die den Söhnen der Atriden und sogar den Kindern Adams die
Sünden ihrer Väter auf erlegte 2 ). Dort, wo die Natur sie uns aufzwingt,
können wir freilich nicht anders, als sie auf uns zu nehmen. Wir müssen
leider anerkennen, daß der Unschuldige für die Fehler Anderer leidet,
daß das Kind des Alkoholikers ohne eigene Schuld an dem Laster des
Vaters stirbt. Diese Solidaritäten aber nennen wir Geißeln und bekämpfen
sie. Wir denken nicht daran, diesen mitleidlosen Eumeniden Altäre zu
errichten, wie der Wilde seinen Fetischen. Dieser Solidarität, die mit
einem anderen Namen Ansteckung heißt, setzen wir den Individualismus
entgegen, der die Antisepsis ist. Die zahllosen Solidaritäten der mittel
alterlichen Zünfte und Gilden wurden durch den großen Sturm der fran
zösischen Revolution gebrochen und hinweggefegt. Warum sollen wir
uns daher bemühen, neue Ketten zu schmieden, und warum sollen wir
jedem Menschen eine Hypothek auf alle übrigen ausstellen?
Auch die Moralisten erheben ihrerseits viele Einwürfe gegen den
Solidarismus. Sie fragen, wo denn das neue Moralprinzip sei, das er
1 ) Die Entwicklung erscheint durch ein wachsendes Bestreben der organisierten
w esen nach Unabhängigkeit gegenüber dem Milieu, und nach Spezialisierung gekenn
zeichnet“ (De Launay, L’histoire de la Terre). Er sagt, daß die Gruppierung des
Kristalls um ein Zentrum in einer polyedrischen Kristallisationsform schon eine Form
der Verteidigung, also der Unabhängigkeit ist. Das Kristall war die erste Individualität,
der es gelang, sich aus dem Milieu auszuscheiden.
Das im Meere entstandene Tier, das sich in seinem Körper sein eigenes, abge
schlossenes Milieu erschafft, tut den zweiten Schritt, usw.
2 ) „Der primitive Zustand war das Zeitalter der Solidarität. Sogar das Verbrechen
w urde hier nicht als individuell betrachtet; einen Schuldigen durch einen Unschuldigen
zu ersetzen, erschien ganz natürlich: die Schuld übertrug sich und wurde erblich. Im
^eitalter der Überlegung erscheinen derartige Dogmen unsinnig“ (Renan, Avenir
de la Science, S. 307).