04 Otto Keinath:
Auch im Überseehandel bildet der „Wanderhandel‘“ die
Grundlage des Handelsverkehrs bzw. des überseeischen Warenaus-
tausches, Das Schiff des Handelsherrn fuhr von Hafen zu Hafen mit
dem Zweck, die mitgeführte Ware ohne bestimmtes Absatzziel, d. h.
ohne besondere Bestellung, an den fremden Handel gegen andere Güter
oder gegen Geld auszutauschen. Der gelegentliche Besuch des fremden
Landes entwickelte sich dann zu dauerndem Aufenthalt; es folgt oft die
Gründung einer Faktorei mit der Unterhaltung ständiger Einkäufer
und Verkäufer an den wichtigsten Plätzen der Erde. Die Schwierig-
keit für den Exportkaufmann, alle die zahlreichen Artikel
seiner Ausfuhr bei der Unmenge von Erzeugern und Verarbeitern
zusammenzusuchen, führt schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts
zu einer vierfachen Stufenteilung. In den führenden
Handelsländern kauft der Exporteur vom Binnen-Großhändler und ver-
treibt die Ware an den überseeischen Importeur, der seinerseits
wiederum die Güter an die 2, Hand, den Binnen-Großhandel, abgibt, der
für die weitere Verteilung der Ware sorgt. Auf demselben Wege gelangt
die Überseeware zurück bis in den Haupthafen, in die gewaltige
Handelszentrale, von welcher aus die Verteilungder Übersee-
güter an das Binnenland durch Vermittlung des
Binnen-Großhandels erfolgt. Noch immer charakterisiert die
Warenkombination in höchstem Ausmaße den Handelsbetrieb. Wenige
starke Export- und Importhäuser lenken vom großen Hafenplatze aus
den noch schwach entwickelten Welthandel, Solange eine Vereinheit-
lichung der Handelsverkehrsform, des Münzwesens, des Handelsrechtes
und der Handelssitte noch nicht gefunden war, bildete die Technik des
Handels mit dem Auslande eine Geheimwissen-
schaft für sich,
Wenn auch die im 20, Jahrhundert in immer übersichtlicherer
Form entwickelten Verträge auf dem Gebiete internationalen Rechtes,
internationaler Geschäftsform, der Seeschiffahrt, des Fracht- und des
Versicherungswesens, wie überhaupt das gesamte Verkehrswesen den
Handel mit dem Auslande übersichtlicher gestalteten und diesen weniger
risikoreich machten, so bildet dennoch die Beherrschung des Handels
mit dem Auslande noch immer solche Schwierigkeiten, daß, wie die
neueste Zeit lehrt, sich unverkennbar die Tendenz bemerkbar macht,
daß zahlreiche Industriekreise in Deutschland wieder auf die Vermitt-
lung des Handels zurückgreifen, da man schlechte finanzielle Erfahrun-
gen mit dem „direkten Absatz‘ deutscher Fertigprodukte im Ausland
gemacht hat,
Wie die Passivität der Handelsbilanz des Jahres
1924 mit 2,7 Milliarden Defizit gezeigt hat, ist die Förderung des