Das Handwerk im Rahmen der Volkswirtschaft, 115
guter Handwerksgesellen müßten höher als die der Fabrikgehilfen sein,
Jeder Versuch des Handwerks, seine Preise der Voraussetzung besserer
Qualitätsarbeit anzupassen, stößt aber auf weitgehendes Unverständnis,
Daher ist das Handwerk vielfach gezwungen, seine Preise und damit
auch die Qualität der Massenware unterzuordnen, oder neben der
Handwerksware auch die Fabrikware zu verkaufen. Der volkswirt-
schaftliche Fehler, der darin liegt, beruht auf falscher Erziehung der
öffentlichen Meinung. Der Geschmack der Masse — auch der so-
genannten gebildeten Stände — ist durch Massen- und Modeware ver-
dorben worden, Demgegenüber kann sich der Grundsatz der Qualitäts-
arbeit, die im originalen Einzelstück ihr Ideal sieht, noch nicht genügend
durchsetzen. Würde das Allgemeinempfinden des Publikums so er-
zogen sein, daß es dem gediegenen, auch künstlerisch reifen Einzelstück
wenn irgend möglich den Vorzug gibt, so würde dadurch ein Handwerk
erhalten und fortgebildet, das ausreichende Preise fordern kann, ohne
der Maschine und dem Massengeschmack ungesunde Zugeständnisse zu
machen,
Die Preisbildung im Handwerk ist somit eine wesentliche Kultur-
frage des Volkes. Kultur ist aber eine Hauptaufgabe der Erziehung
und daher auch des Staates, der sich allerdings selbst bei eigenen
öffentlichen Bauten und sonstigen Aufträgen nur ganz allmählich zu
reifer Werkkultur aufschwingt.
VL Überblick,
Das deutsche Handwerk ist also ein volkswirtschaftlich berech-
tigter Berufsstand, der nicht etwa nur geduldet, sondern der bewußt an-
erkannt und gefördert werden muß, Dieser Stand muß daher jede
staatliche Hilfe bekommen, die der Landwirtschaft und der Industrie
bewilligt werden. Er muß ferner die gleiche Würdigung in der öffent-
lichen Meinung finden, Hierzu gehört auch, daß Mängel und Mißstände,
die auch im Handwerk vorhanden sind, nicht verantwortungslos verall-
gemeinert werden. Es gehört ferner dazu, daß die allgemeine Vor-
bildung des Handwerkslehrlings wie seine technische Veranlagung,
möglichst hoch vorauszusetzen sind.
Wird so die Pflege des Handwerks von allen Seiten richtig ver-
standen, so bleibt das Goethewort wahr, das auch die volkswirtschaft-
liche Bedeutung des Handwerks richtig erfaßt:
„Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk
vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird.
Eines recht wissen und ausführen, gibt höhere Bildung als Halbheit
im Hundertfältigen.‘
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