136 Dr. J. W, Reichert:
Mittelstandes, mit schwerer sozialer Unruhe und mit neuen Erschütte-
rungen der Fundamente von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
bezahlt.” Man darf wohl hinzufügen, daß die Reparationspolitik sogar
die Weltwirtschaft und damit wieder die Weltpolitik aufs tiefste beein-
flußt hat. Im Verhalten des englischen Kabinetts zeigt sich dann und
wann der Wille zu einer durchgreifenden Lösung des unendlich ver-
wickelten Problems, aber auch ebensooft ein verzagtes Zurückweichen
vor dem Durchhauen des gordischen Knotens.
Hätte Lloyd George mit der schnellen Abrüstung Englands
nicht den größten Fehler seines Lebens gemacht, so ständen die Dinge
jetzt wohl anders, Allein das Stirnrunzeln Frankreichs hat schon oft
den englischen Mund verstummen und die englische Hand sinken lassen.
Das deutsche Schicksal ist jedenfalls für London nicht so viel wert, daß
es dieserhalb große Gefahren auf sich nehmen möchte.
In Cannes hat England zu Anfang Januar 1922 Frankreich zum
erstenmal zum Nachgeben gebracht. Das deutsche Moratoriumsgesuch
vom 14. Dezember 1921 hatte dahin geführt, daß Deutschland für 1922
ein Nachlaß der Reparationen bis auf 720 Millionen Goldmark an
Barzahlungen und auf 1450 Millionen Goldmark an Sachleistungen zu-
gestanden worden ist, Das war zwar eine Ermäßigung des Londoner
Zahlungsplans um etwa ein Drittel, aber dennoch unerfüllbar. Denn
nebenher liefen noch die Besatzungskosten, die Belastung durch das
sog. Ausgleichsverfahren usw., so daß sich das Reichskabinett nur unter
dem Druck einer Drohrede des neuen französischen Ministerpräsiden-
ten Poincare zur Annahme entschloß.
Aus der Erwartung, die von Lloyd George damals angeregte Welt-
wirtschaftskonferenz zu Genua werde die Reparationsforderungen unter
die Lupe nehmen und von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus die
Revision des Versailler Vertrags und des Londoner Zahlungsplans
fordern, wurde leider nichts, Denn Frankreich widersetzte sich von
vornherein aufs äußerste dem Plan einer Erörterung der Reparations-
irage in Genua, und kündigte durch Poincares Rede vom 19. Januar
seine „Politik der Pfänder, der Garantie und Finanzkontrolle‘“ an.
Die Genueser Konferenz ließ dennoch im April 1922 für Deutschland
eine Frucht reifen, nämlich den deutsch-russischen Rapallovertrag. Der
darin ausgesprochene gegenseitige Verzicht auf Entschädigungen sagte
sich völlig vom Reparationsgedanken los und brachte sogar die erste
gegenseitige Meistbegünstigung im Handelsverkehr.
Indessen entwickelte sich in Deutschland die Produktions- und
Konsumtions-, die Finanz- und Währungslage immer ungünstiger, Die
Fehlbeträge im Haushalt des Reichs und der Länder, ferner die Fehl-
beträge in der Außenhandels- und Zahlungsbilanz wuchsen zusehends,