Full text: Die deutsche Wirtschaft

133 Dr. J. W. Reichert: 
Überwindung der Markkrise einigen. Aber die Erkenntnis, daß die 
Reparationen die Quelle alles Übels seien, einte sie. Alle forderten 
einen mindestens zwei Jahre dauernden Zahlungsaufschub für Bar- 
zahlungen und Sachleistungen, ferner ausländische Währungshilfe, end- 
gültige Regelung des Reparationsproblems usw, Unter dem Eindruck 
dieser Gelehrtengutachten übergab die Reichsregierung der Repara- 
tionskommission einen zusammenfassenden Stabilisierungsplan, der die 
Befreiung von allen Reparationen für drei bis vier Jahre, ferner die Nor- 
mierung der Reparationsschuld in einer Höhe, daß sie aus dem Über- 
schuß des Haushalts bezahlt werden könne, schließlich die handels- 
politische Gleichberechtigung auf dem Weltmarkt verlangte. 
Nach diesen Forderungen und der Erkenntnis der tieferen Zu- 
sammenhänge der Reparationsfrage trat Dr. Wirth ab, Einen Monat 
früher, nämlich am 19. Oktober 1922, war bereits Lloyd George 
zurückgetreten. Nun konnte sein Gegenspieler Poincare das Feld 
leichter beherrschen und allen Anläufen zu einer wirtschaftlich ver- 
nünftigen Lösung des Reparationsproblems begegnen. — 
Weder Lloyd George noch Wirth und Rathenau, weder 
die deutsche Erfüllungspolitik und die freiwilligen Sachleistungs- 
angebote, noch die englische Betonung der Unerfüllbarkeit vermochten 
Poincare von seinem brutalen Erpressungsplan abzubringen. Weder 
Morgans Auftreten in der Pariser Anleihekonferenz noch der Liefer- 
vertrag, den Stinnes mit dem Marquis de Lubersac zu- 
gunsten des französischen Wiederaufbaus schloß, machten auf den 
kriegerischen Ministerpräsidenten irgendeinen Eindruck, Wozu wollte 
Poincare produktive Pfänder? War es nur das Verlangen, die rache- 
lustigen Poilus wenigstens halbwegs Berlin marschieren zu lassen? War 
es die Absicht, das Schlagwort wahr zu machen: „Le boche 
payera tout‘? 
Mit frommem Augenaufschlag verlangte Poincare vor seinen 
Freunden „produktive Pfänder‘ für einen Zahlungsaufschub zugunsten 
Deutschlands, während es ihm um Ausdehnung seines Machtbereiches, 
um Verstärkung der französischen Vorherrschaft in Europa, um Zer- 
schlagung des Deutschen Reiches und um Überlistung Englands zu tun 
war, Sein alter Freund Lloyd George, dem die Entbindung von 
seinem langjährigen Amt als Ministerpräsident nicht nur Schmerzen des 
Abschieds, sondern auch Freiheit der Zunge gebracht hat, nannte schon 
im Dezember 1922 Poincares Schliche offen und treffend „Austern- 
politik” und riß ihm damit die Larve vom Gesicht, 
Die alten Römer huldigten dem Grundsatz: „Divide et impera”, d, h. 
„Teile und herrsche‘“, Lloyd George spielte dagegen auf die Unersätt- 
lichkeit des triumphierenden Frankreich an, das durch Besetzung und 
&.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.