Full text: Die deutsche Wirtschaft

Wirtschaft und Reparationspolitik. 139 
Zollinie, also mit militärischen und Verwaltungsmaßnahmen, erst die 
Besitzergreifung und Loslösung der Rheinlande vom deutschen Mutter- 
land herbeiführen wollte, um dann, wenn der Appetit es reizte, die Ein- 
verleibung der rheinischen Auster vorzunehmen, Ein altes französisches 
Sprichwort heißt: „L’appetit vient en mangeant‘“, d. h, „Der Appetit 
kommt beim Essen“, Tatsächlich genügte Frankreichs Machthunger 
der Raub Elsaß-Lothringens nicht. Ein alter politischer Traum sollte 
in Erfüllung gehen, nämlich der Rheinstrom sollte die Grenze bilden. 
Aber auch dann fühlte sich Frankreich nicht sicher. Zu seiner „Sicher- 
heit vor Deutschland” bereitete es seit langem planmäßig die Besetzung 
der Ruhr vor. 
Auch der Nachfolger Lloyd Georges, nämlich Bonar Law, gab 
sich Mühe, Poincare zur Vernunft zu bringen. England bestimmte 
Italien am 11, Dezember 1922 auf der Londoner Konferenz, den fran- 
zösischen Vorschlag, zur Besetzung der Ruhr zu schreiten, abzulehnen. 
Auch nachdem die Reparationskommission mit der Stimme Frank- 
reichs, Belgiens und leider auch Italiens, bei Stimmenenthaltung Eng- 
lands, eine Verfehlung Deutschlands in Holzlieferungen festgestellt hatte, 
und nachdem sie am 28, Dezember 1922 das Auslegungskunststückchen 
„Nichterfüllung ist gleich vorsätzlicher Nichterfüllung des Versailler 
Vertrags” gewagt hatte, hielt Bonar Law an seinem Bestreben fest, die 
Reparationsschuld herabzusetzen, die deutsche Finanzreform an- 
zuregen und von produktiven Pfändern abzusehen. Selbst die amerika- 
nische Regierung machte sich damals bemerkbar und schlug wiederholt 
vor, die Reparationen der politischen Behandlung zu entziehen und 
einen Sachverständigenausschuß mit der Prüfung der deutschen Zah- 
lungsfähigkeit zu betrauen. Das Kabinett Cuno wollte es an neuen 
Vorschlägen nicht fehlen lassen. Aber alle Anstrengungen waren 
nutzlos, Kaum hatte die neue Pariser Konferenz am 2. Januar 1923 
begonnen, da wurde sie auch schon abgebrochen. Die Reparations- 
kommission stellte noch schnell wiederum bei Stimmenthaltung Eng- 
lands, am 9, Januar 1923, eine „vorsätzliche Verfehlung‘ Deutschlands 
bei den Kohlenlieferungen fest. Dann konnte der kriegerische Einfall 
der verbündeten Franzosen und Belgier ins Ruhrgebiet beginnen. 
Der zum Himmel schreiende Rechts- und Friedensbruch einte seit 
langer Zeit wieder einmal das ganze deutsche Volk. Die Abwehr be- 
stand im wesentlichen in der Einstellung jeder Art von Reparations- 
leistungen, in der passiven Resistenz gegenüber den französisch-belgi- 
schen Befehlen, Die feindlichen Gegenmaßnahmen waren von vorn- 
herein mit militärischer Gewaltanwendung und Unterdrückung gepaart. 
Nichts war davon zu merken, daß sie eine „friedliche Mission friedlicher 
Ingenieure“ sei, wie Poincare amtlich erklärt hatte. Der Abschnürung
	        
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