Full text: Die deutsche Wirtschaft

Wirtschaftliches Organisationswesen, 151 
zwar nicht notwendigerweise ein Monopol, aber jedenfalls beherrschen- 
den Einfluß erfordert, vertragen diese Organisationen weder eine über- 
große unternehmungsweise Zersplitterung, noch auch stärkeren quanti- 
tativen und vor allem qualitativen Wechsel der Wettbewerbsgrund- 
lagen, Deshalb sehen wir die Kartellierung ihren Ausgangspunkt von 
solchen Industrien nehmen, deren natürliche Gebundenheit großkapita- 
listische Unternehmung und Begrenzung des möglichen Wettbewerbs 
schafft, von Kohle und Eisen. 
Aber auch für letzteres Gewerbe, selbst soweit es nur die eisen- 
erzeugende Industrie umfaßt, wäre die hochentwickelte Syndizierung, 
die mit freilich wechselvollen Schicksalen schließlich im Stahlwerks- 
verbande kulminieren sollte, nicht möglich geworden ohne die staat- 
liche Hilfe der grundsätzlichen Schutzzollpolitik, 
Die weitere Entwicklung des deutschen Vorkriegs-Kartellwesens 
hat sich ihren Weg trotz hervorragender Entwicklung der Organi- 
sationstechnik schrittweise erkämpfen müssen. Sie ist auch kaum über 
500 bis 600 Verbände hinausgelangt und umfaßte durchweg solche in- 
dustrielle Gewerbe, bei denen die erwähnten natürlichen Gründe (be- 
schränkter Wettbewerbsradius wegen engerer Frachtgrenzen) oder 
aber die Jugend ihrer Entwicklung oder auch ein spezifischer Rechts- 
schutz (Patente) günstige Vorbedingungen boten. Große, wichtigste 
Gewerbe, wie fast alle Zweige der Textilindustrie, wiesen — ganz im 
Gegensatz zu ihrer Nachkriegsentwicklung — jedenfalls qualitativ nur 
sehr schwächliche Kartellierungsversuche auf‘). Gerade bei dieser 
Industrie vermögen wir auch die Widerstände deutlich aus ihrer ge- 
schichtlichen Entwicklung zu erkennen und stoßen damit auf ein Ele- 
ment, das einerseits den Wert dieser Organisationsform ebenso ver- 
deutlicht, wie es ihre Grenzen weist. 
Ein sehr erheblicher Teil unseres Industriekörpers ist in den 
letzten drei Vierteln des verflossenen Jahrhunderts aus handwerks- 
mäßigem Ursprunge in die kapitalistische Technik hineingewachsen. 
England, in erheblichem Abstande schon Frankreich, waren uns hierin 
um etwa ein halbes Jahrhundert voraus, während die Vereinigten 
Staaten bekanntlich ohne den Übergang ihre Industrie als „kapita- 
listische‘“ von der Alten Welt importieren konnten. Vom Standpunkte 
der Staatspolitik aus gesehen, hatte unsere Entwicklung das Gute, daß 
sie mit großer Energie einen breiten Raum von mittleren und kleineren 
") Eine Ausnahme bildete die „Textilveredelungsindustrie” infolge ihres eigen- 
artigen Charakters als Werklohngewerbe. Wenige Zweige der Weberei, namentlich 
Seide und Samt, konnten Kartelle nur mit Hilfe von Rückversicherungsverträgen 
(Exklusivkontrakten) mit der Veredelungsindustrie oder ihrem organisierten Groß- 
handel durchführen,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.