Full text : Die deutsche Wirtschaft

152 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky:
Unternehmen, also einen wertvollen, auf Individual- (meist generationenweise
 aufgebautem) Besitze beruhenden industriellen Mittelstand
zu konservieren vermochte, der zäh am Erworbenen festhielt und dem
andringenden unpersönlichen gesellschaftsrechtlichen Großkapitalismus
starken Widerstand entgegensetzte. Aus der Zeit des wirtschaftspolitischen
 Individualismus entstammend, dessen Quelle die Stein-Hardenbergschen
 Reformen erschlossen, fanden auch die Bestrebungen zu
genossenschaftilicher Abwehr der Auswüchse der Konkurrenz um so
schwieriger Anklang, als eben dieses allmähliche Werden, was Standort
 des Gewerbes, Entwicklung der maschinellen Technik und vor allem
auch produktive Arbeitsteilung und Absatzmöglichkeiten anlangte, die
Struktur und damit die Konkurrenzgrundlagen vielfach sehr undurchsichtig
 gestaltete. Und der auf den politischen Erfolgen der Reichsgründung
 ruhenden gesunden Entwicklung unseres inneren Marktes,
der rastlosen Energie unserer Unternehmer und der überragenden
Schulung und weitgehenden Anspruchslosigkeit unserer Arbeiterschaft
war es zu danken, wenn vor dem Kriege ein scharfer, sich rasch steigernder
 Wettbewerb nur zu vorübergehenden Krisen führte und eine
wachsende Ausfuhr chronische Überproduktion mit allen Folgen übersteigerter
 Konkurrenz verhindern konnte. Immerhin aber brachte
bereits die Jahrhundertwende einen Überdruck, der außerordentlich
kartellfördernd wirken mußte.
Für die überwiegenden Kreise der Industrie kam aber aus den geschilderten
 sachlichen und menschlichen Gründen nur diese genossenschaftliche
 Organisation in Frage, die, ohne die vermögens- und besitzrechtlichen
 Grundlagen des einzelnen Unternehmens anzutasten, ja auch
ohne nur stärker in die produktionstechnische Selbständigkeit einzugreifen,
 lediglich dem Verkauf solche Fesseln auferlegte, die hinreichten,
um in den Preisen und Absatzbedingungen die erstrebten Rentabilitätsgrenzen
 zu sichern. Während so der breite Strom der deutschen Industrie
 mehr und mehr diese sichernden Häfen zu gewinnen strebte,
begann die Großindustrie bereits die Kartellbahnen zu verlassen und
der kapitalistischen Konzernentwicklung mit vertikalem Aufbau in
gemischten Unternehmen sich zu erschließen, während einzelne Gewerbe
 mit besonders günstigen Vorbedingungen, wie die Elektrizitätsund
 die Industrie künstlicher Farbstoffe, die Kartellära fast ganz übersprangen
 und in rascher Entwicklung jenen englisch-amerikanischen
Vorbildern nacheiferten.
Heute hätte es ja nur noch theoretischen Wert, nachzuprüfen, wie sich
ohne die Kriegskatastrophe die Entwicklung der beiden, in ihrem Ziele
gleich-, in ihren Mitteln aber völlig auseinanderstrebenden Organisationsformen
 im Rahmen der deutschen Industriewirtschaft gestaltet
            
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