Full text: Die deutsche Wirtschaft

160 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky: 
wirtschaftlich erwünschten Regelung der Wirtschaft durch die Organi- 
sationen. Erreichen sie dieses Ziel nicht, so werden sie mit jedem Jahr 
weiterer Konsolidierung der Weltwirtschaft durch die überlegene kapita- 
listische Organisationspolitik im In- und Auslande hinweggefegt werden, 
Gewiß sind mir, der ich selbst zwei Jahrzehnte auf diesem Gebiete 
tätig war, die Schwierigkeiten bekannt, aber wie — leider noch, erst 
vereinzelte — Beispiele lehren, sind sie nicht unüberwindbar, Daß 
freilich die losen Rechts- und Sachformen, bei denen sich bisher das 
Gros der Kartelle begnügte, hierfür nicht zulangen, versteht sich am 
Rande. Aber wir besitzen in den „Syndikaten‘, in der Rechtsform der 
G. m. b. H. oder der A.-G, bereits Grundlagen und Modelle, die sich 
bei einigem Verständnis der Interessenten entsprechend ausbauen 
ließen. Für die Reform der Preiskartelle zu Kalkulationskartellen 
genügt zudem bereits ein freilich industrietechnisch und betriebswissen- 
schaftlich aufs beste durchgebildetes Verbandsbüro mit sachgemäßer, 
scharfer Kontrolle des Absatzes und einer nicht schematischen, sondern 
qualifizierten Kontingentierung des Verkaufs, wobei, was heute zumeist 
ganz unvollkommen kartellpolizeilich oder auch gar nicht geregelt ist, 
zugleich eine rücksichtslose Qualitätskontrolle durchgreifen muß, Ein 
so organisiertes Kartell hat Außenseiter gar nicht oder jedenfalls nicht 
in'dem Maße zu fürchten wie die heutigen Verbände, die sich hier- 
gegen mit recht fragwürdigen Mitteln, wie den Exklusivverträgen mit 
Abnehmerverbänden oder Treurabattklauseln, schlecht und recht durch- 
schlagen. Gute, garantierte Ware mit schärfster Preisstellung und an- 
gemessenen Absatzbedingungen haben sich bisher schon als die zuver- 
lässigsten Schutzwaffen der Kartelle erwiesen, und sie werden es an- 
gesichts des steigenden Konkurrenzdruckes in wesentlich verstärktem 
Maße sein, 
In dieser vertieften Form aber bleiben die Kartelle für die kom- 
mende Zeit im Interesse der Unternehmer und Arbeiter eine Not- 
wendigkeit, um so mehr, als, wie schon hervorgehoben werden mußte, 
unsere Bevölkerung sich der verkleinerten wirtschaftlichen Decke ent- 
sprechend nicht vermindert hat, sondern relativ sie rasch auszuweiten 
trachten muß. Diese Aufgabe wird uns der kapitalistische Großbetrieb 
nur auf wenigen Gebieten lösen. Die Erhaltung mittelständischer in- 
dustrieller Unternehmen mit ihrer natürlichen Vielseitigkeit und ihren 
technischen wie wirtschaftlichen Energien bleibt ökonomisch ein Vor- 
teil, sozialwirtschaftlich eine Notwendigkeit. Es kann heute als er- 
wiesen gelten, daß der „Fordismus‘ als Programm in den Wirtschaften 
der alten Kulturwelt nur ein sehr enges Feld praktischer Betätigung 
finden kann, und zwar aus genau den gleichen bekannten Gründen, die 
der „Trustierung' bei uns knappe Grenzen stecken. Es ist aber zwei-
	        
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