166 Richard Müller:
sieht, auch im beengten Rahmen nicht das größere gemeinsame Ziel zu
vergessen,
In welcher Richtung werden diese Aufgaben zu suchen sein und
wie sollen sie gelöst werden? Zunächst handelt es sich um die Not-
wendigkeit, die (jetzt, nach der Annahme des Londoner Abkommens)
einmal gegebene wirtschaftspolitische Lage klar zu erkennen und sie in
die. Rechnung zwar als bekannte Größe, jedoch als eine solche mit un-
bekannter Wirkung einzustellen; und die Erwägung wird zu dem Schluß
führen, trotz schwerer Belastung die Wettbewerbsfähigkeit der deut-
schen Produktion wiederherzustellen. Gelingt das nicht, so ist die
Hoffnung auf Freiheit wenigstens für unsere Kinder allerdings ein leerer
Wahn. Also gilt es für dieses ideale Ziel in die Kampffront zu treten,
hier müssen die deutschen Wirtschaftsführer, groß und klein, beweisen,
ob die Welt mit Recht überzeugt ist, daß wir organisatorisch begabt
genug sind, um uns auch aus tiefster Not wieder emporzuringen. Es
heißt zehn Jahre Zerstörung trotz Kapitalarmut nachzuholen, durch An-
spannung der ganzen Nerven und Willenskraft neue Wege zu suchen,
um den Vorsprung, den glücklichere Staaten gewonnen haben, wieder
einzuholen, Die Methoden des Auslandes müssen wieder eingehend
studiert, die besten Maschinen ausfindig gemacht oder neu erfunden und
konstruiert werden, In den Betrieben hat der Wirtschaftsführer, der
richtig seines Amtes walten will, mit allem alten Zopf aufzuräumen, die
Unterlagen für die Kostenberechnungen müssen wieder zuverlässig und
sicher gewonnen werden wie im Frieden, und als Endergebnis der
Arbeit hat nicht, wie in der unseligen Zeit inflationistischer Verkommen-
heit, der nicht mehr nachzuweisende Preis, sondern der niedrigstmög-
liche Selbstkosten- und Verkaufspreis zu treten, den das Unternehmen
und seine Erzeugnisse bedingen. Nicht schamlose Konkurrenz oder
Preisunterbietung soll damit etwa als Ziel gelten, sondern die in zäher
organisatorischer Arbeit liegende Verbilligung der Kosten. Diese wird
immer ihren Ausgang nehmen müssen von der Einsicht der leitenden
Persönlichkeit, die es versteht, alles diesem einheitlichen Gedanken
dienstbar zu machen und alle Widerstände rücksichtslos zu brechen;
die teils aus den schlechten Gewohnheiten der letzten Jahre, teils aus
verknöchertem Bürokratismus — diesen gibt es nicht nur im Staats-
betriebe! — stammen.
Allein schaffen kann das auch der Begabteste nicht; er muß seine
Führereigenschaften erst dadurch richtig erweisen, daß er versteht,
mit der notwendigen Menschenkenntnis die rechten Menschen an den
rechten Platz zu setzen. Dann, nur dann wird der Organismus, den er
schaffen und wachsen lassen will, seine Funktionen erfüllen können.
An dieser schwierigen Aufgabe sind Herrscher, Staatsmänner und Wirt-