Full text: Die deutsche Wirtschaft

170 Richard Müller: 
Kleinaktien an, sondern er hat erkannt, daß mit dem in manchen Be- 
trieben nach guter alter Methode üblichen Unteroffizierston keine 
freudige Mitarbeit erzielt wird, sondern daß jedem nach seiner Stellung 
und seinem geistigen Vermögen das Gefühl und die Überzeugung ein- 
geimpft werden muß: Hier schaffst du nicht für jemand anders, sondern 
hier gilt es dem eigenen Vorwärtskommen, du fällst und stehst mit dem 
Gedeihen dieses Werkes, das in diesem Sinn auch dein Werk ist. 
Hier liegt eine ganz große Aufgabe für den modernen deutschen 
Wirtschaftsführer, der vorbildliche Leistungen erreichen will. Dem 
deutschen Charakter liegt im allgemeinen gerade die Mitwirkung an der 
Minderung der sozialen Spannung weit mehr als den nüchterner ein- 
gestellten Wirtschaftsvölkern von Belang. Freilich, mancher Unter- 
nehmer hat an der Betätigung in dieser Richtung seit 1918 die Freude 
verloren, weil er beobachten mußte, daß die maßlose Hetze gegen In- 
haber und Leiter von Betrieben, ja gegen die Industrie- und Handels- 
arbeit überhaupt jeden Versuch, neue Wege zur Belebung der Arbeits- 
freudigkeit zu gehen, durch das ihm entgegengebrachte Mißtrauen im 
Keime erstickte. Umgittert von Tarifparagraphen, zermürbt in fast 
täglichen Sitzungen in Lohnfragen, gejagt von der rasend gewordenen 
Papiermark, umlagert von Hunderten von Gesetzen und Verordnungen, 
durch die selbst die rettenden Syndici nicht mehr hindurchfanden, 
glich der so viel Beneidete mehr einem angeschossenen Wild im 
überall geschlossenen Gatter als einem seiner großen Verantwortung 
bewußten und ruhiger Sammlung zur Tat über den Tag hinaus fähigen 
Führer, 
Zweifellos haben unter diesen seit 1919 sich immer mehr ver- 
schärfenden Zuständen nicht nur der Wohlstand des deutschen Volkes, 
die einzelnen Betriebe und die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands emp- 
findlich gelitten, sondern in ganz besonderem Maße auch alle sozialen, 
hygienischen, betriebstechnisch verbessernden Maßnahmen. Nachdem 
die Ordnung im Geld- und Geschäftsleben allmählich wieder sich ein- 
stellt, wird der vorausschauende Unternehmer, soweit es die noch für 
längere Zeit in unserm Vaterlande vorherrschende Kapitalarmut über- 
haupt gestattet, sich auch mit den oben angedeuteten Aufgaben wieder 
eingehender befassen müssen. Er wird ernstlich zu prüfen haben, ob 
innerhalb eines im Verhältnis zu den Großstaaten der anglikanischen 
Völker kleinen, unter schwerem Druck seufzenden Reiches der Anteil 
des Arbeitslohnes an der gesamten Volksleistung der Steigerung fähig 
ist und ob z.B. die Methoden Amerikas: rücksichtsloser Hochschutz- 
zoll, Steigerung der Löhne, Schaffung ohne ersteren nicht konkurrenz- 
fähiger Industrien, Großproduktion und Arbeitsteilung bis zu einem 
tausendmal täglich wiederholten Handgriff des einzelnen, bei uns zu
	        
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