Full text: Die deutsche Wirtschaft

Die wirtschaftliche Bewegung, I 5 
Entscheidungen den Ausschlag zu geben hat, sondern man muß daran 
festhalten, daß stets Wirtschaft un d Politik in vollkommener Harmonie 
miteinander zu berücksichtigen sind. Wo auch immer die Völker von 
diesem Grundsatz abgewichen sind, indem sie das merkantile Interesse 
über den nationalen Standpunkt setzten, oder indem sie aus nationalem 
Übereifer ihre wirtschaftliche Kraft falsch einschätzten und nicht zur 
Geltung kommen ließen — in all diesen Fällen hat schweres Unheil 
oder völliger Untergang die Schuld gesühnt. 
Wer aber heute in Deutschland über diese Dinge spricht, der soll 
das Auge weniger nach rückwärts richten, als in die Zukunft, So 
lehrreich es für den Deutschen ist, seine große und wechselvolle Ver- 
gangenheit gründlich zu studieren, soviel Trost und Zuversicht er in 
den schweren Tagen aus der Vergangerheit schöpfen mag, unsere 
erste und wichtigste Aufgabe muß doch darin bestehen, daß wir Hand 
anlegen an den Wiederaufbauunseres Vaterlandes, daß 
wir uns klar darüber werden, in welcher Weise denn die Wirtschaft 
bestimmt und befähigt ist, die gesamte Kulturentwicklung in möglichst 
günstiger Weise zu beeinflussen. Hier ergeben sich vier Gesichts- 
punkte, die wir ins Auge zu fassen haben. In erster Linie wird der 
Blick des wirtschaftenden Menschen naturgemäß auf den tech- 
nischen Fortschritt gerichtet sein müssen. Das ist sein Werkzeug, 
seine Waffe, mit welcher er den Verkehr befördert, die Erde 
umgestaltet, die neue Welt zu schaffen versucht. Die Technik aber 
kommt nicht vorwärts ohne die Wissenschaft, und Handel und 
Industrie sind daher berufen, an dem stolzen Bau der Wissenschaft 
kräftigen Anteil zu nehmen. Es ist, um es gleich an dieser Stelle zu 
sagen, die höchste Ehre des deutschen Gewerbestandes, daß er den 
engen Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Technik, zwischen 
Theorie und Praxis am deutlichsten begriffen und mit höchster Ziel- 
bewußtheit benutzt hat. Aber Technik und Wissenschaft bleiben 
tote und seelenlose Dinge, wenn sie der rechten Menschlichkeit ent- 
behren, Sie müssen zu einem öden Mechanismus und Materialismus 
führen, wenn der Zauberkünstler, der diese wunderbaren Instrumente 
handhabt, nicht zugleich ein lebendiges Verständnis für die gemütlichen 
Bedürfnisse, für das Innenleben seiner Mitmenschen empfindet. Daher 
ist es die Förderung der sozialen Wohlfahrt, die sich der wirt- 
schaftende Mensch angelegen sein lassen muß. Und wiederum bedeutet 
es ein Ruhmesblatt der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland, 
daß man hier neben manchem Mißgriff die größten Erfolge in sozial- 
politischer Hinsicht zu verzeichnen hat, daß man hier am heißesten 
darum ringt, die Wunden zu heilen, welche der technische und 
ökonomische Fortschritt, die radikale Umwandlung aller Verhältnisse
	        
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