Deutsche Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich, 245
als in Leipzig, Die alten Kunden Wiens aus den Sukzessionsstaaten
und aus dem Balkan kommen eben zum größten Teil nur nach Wien,
wo sie ihre angestammten Geschäftsverbindungen haben und mit
klugem Eingehen auf ihre Eigenart behandelt werden. Es ist also
klar, daß, wer diese Kunden nach Wien ladet, keinem bestehenden
andern Markt Abbruch tut, Aber auch die deutschen Industriellen
und Kaufleute sind offenbar der Ansicht, daß Wien neben Leipzig be-
sondere Chancen bietet, daß also die Interessensphären sich nicht
kreuzen, Sonst würde nicht alljährlich zweimal eine große Zahl von
reichsdeutschen Firmen zur Wiener Messe ziehen,
Für den deutschen Handel und die deutsche Industrie bietet sich
durch die Wiener Messe insbesondere Gelegenheit, das Exportgeschäft
mit der Levante (Griechenland, Ägypten usw.) zu pflegen, das bis nun
noch lange nicht genügend ausgebaut wurde und das für
Deutschlands Produktion sehr bedeutsame Zukunftsmöglichkeiten
bietet,
Der feste Wille deutscher Industrie, dem deutschen Handel die
alte machtvolle Stellung in Österreich zu erhalten, und der Umstand,
daß sich in Wien englische, französische, italienische, schweizerische,
rumänische usw. Handelskammern bildeten, führte im Sommer 1920 zu
unserer deutschen wirtschaftlichen Vereinigung,
Die Deutsche Wirtschaftskammer für Österreich steht voll und
ganz im Dienste des deutsch-österreichischen Güteraustausches, Sie
will planmäßig daran mitarbeiten, daß dieser nicht nur inniger und
klagloser werde, sondern auch möglichst zu jenen Höhen zurückfindet,
welche in beiden Ländern vor dem Kriege erreicht waren. Planmäßig
will die Kammer Industrie und Landwirtschaft, Handel und Verkehr —
daher auch der Name Wirtschaftskammer — immer wieder will sie die
Landsleute in der alten Heimat, welche nach Neuland ausschauen, auf
Österreich, das Land schlummernder Werte, das Land derselben
Mutterlaute, aufmerksam machen, und dies wird den österreichischen
Einwohnern um deswillen sicherlich willkommen sein, weil noch zu
frisch die Erinnerung ist, wie die Verschiedenheiten neunerlei Natio-
nalitäten im alten Österreich sich auszuwirken pflegten.
Und den nach neuen Existenzmöglichkeiten ausspähenden deut-
schen Landwirt will die Deutsche Wirtschaftskammer in Wien auch
gern betreuen; ihn will sie, ob er Hack- oder Halmfruchtbauer, ob er
Tier- bzw. Schweinezüchter, ob er an der animalischen Bewirtschaftung
hängt oder viehlos wirtschaftet, je nachdem will sie ihn in die frucht-
baren Landstriche des Tullner oder Marchfeldes, der Grazer oder
Welser Heide leiten, sei es als Käufer, sei es als Pächter, jedenfalls so,
daß er gar bald auf der neuen Scholle die Empfindung hat, daß die