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Wenn man, wie die moderne Geschichtsschreibung an*
fangt es zu thun, diesen Maasstab an die Regenten unseres
Jahrhunderts legt, so wird man Napoleon 111. fur einen der
grössten Regenten' desselben halten.
Das Herz dieses merkwürdigen Mannes war gut und
menschenfreundlich. Er war ein humaner Träumer auf dem
Throne, und nicht alle seine Träume waren bunte Seifenblasen,
welche ohne Spur zerplatzen. In seiner Jugend war er tief in
die Ideen eines anderen aristokratischen Humanitätsträumers,
St. Simon’s, untergetaucht und war zu der Ansicht gekommen,
dass Belebung von Handel, Verkehr und Industrie National*
reichthum schaffe und dieser ein Volk glücklich mache.
Aufgabe des Monarchen sei also die Förderung von Handel,
Verkehr und Industrie. Dies hat Napoleon III. als Kaiser
redlich gethan und desshalb wird sein Name unsterblich sein,
obschon er seinen letzten Zweck, das Glück des Volkes,
nicht erreichte. In dieser Beziehung kann man von ihm nicht
mehr verlangen, als die hellsten Köpfe seines Zeitalters gc
leistet haben, welche, von Adam Smith bis Michel Chevalier
und Friedrich List, glaubten, dass Nationalreichthum Wohl*
stand erzeuge. Sie hatten noch keine Ahnung davon, dass
die richtige Vertheilung des Nationalreichthums in der
Art, dass er durchschnittlichen Wohlstand, und nicht
Millionäre und Proletarier erzeuge, ein schwierigeres Problem
sei, als die Erzeugung des Nationalreichthums selbst.
Doch ist Napoleon Ill. das, was die Besten und Klügsten
seiner Zeit anstrebten, durchzuführen gelungen, und bleibende
Werke, sowie der in der That Staunen erregende National*
reichthum Frankreichs, den es grossen Theils unter seiner
Regierung sammelte, und von dem es jetzt aller Welt leiht,
sind eine Frucht der Werke des Friedens, welche der unglück
liche Kaiser förderte.
Der Hafen von Marseille, die Eisenbahn durch den
Mont-Cenis und der Canal von Suez sind drei solcher, plan*
mässig zusammenhängenden Werke von dauerndem
Werthe, welche der Menschheit nutzen, Napoleons Regime
überlebt, über unvergesslich gemacht haben. Er zerbrach die