334 Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt,
Passagierkreise (Fortfall des übertriebenen Luxus und der Rekord-
bauten) und schließlich die Industrie-Reederei, die als Spitze
einer industriellen Großorganisation anzusehen ist (Stinnes). Alle sind sie
mehr oder weniger entstanden als Ergebnis der Lage der Weltschiffahrt,
wie sie durch das Übergewicht des Frachtraumangebots gegenüber
dem stark verminderten Ladungsangebot geschaffen wurde, sowie als
Ausdruck der Wandlungen innerhalb der finanziellen und organisato-
rischen Grundlagen der deutschen wie der ausländischen Schiffahrt.
Trotzdem Deutschland heute bereits erheblich
über die Hälfte seiner Vorkriegshandelsflotte,
und zwar in durchweg besserer Qualität als ehe-
mals wieder aufgebaut hat, kann man noch keines-
wegs davon sprechen, daß nun alles getan ist, um
allen Anforderungen der Wirtschaft gerecht
werdenzu können. Die dauernd ungesunde Lage des deutschen
und des internationalen Geldmarktes, die ungeheuren Substanz- und
Kapitalverluste unserer Reedereien, verbunden mit ihrer übermäßigen
steuerlichen und sozialpolitischen Belastung sowie die wenig groß-
zügigen Maßnahmen der Eisenbahn zum Schutze der Konkurrenzfähig-
keit der Seehäfen: all diese betrüblichen Erscheinungen haben eine
Stagnation im Wiederaufbau der Seeschiffahrt
unter eigner Flagge herbeigeführt, Seine Wiederaufnahme kann auch
durch die sogenannte „Bauhilfe‘‘ von 50 Millionen Mark nicht garantiert
werden, weil andere Krisenzustände der deutschen Wirtschaft hemmend
auf die günstige Entwicklung der Schiffbauindustrie einwirken, Dazu
kommen Hemmungen außerdeutscher Natur: die dauernde Weltschiff-
fahrtskrisis, die im Kriege geboren und nachher durch falsche staatliche
Schiffahrtspolitik (Amerika, Australien, Kanada, Frankreich) noch
unterstützt wurde, und der immer noch unter dem Druck des inter-
nationalen Verschuldungsproblems leidende Zustand der Weltwirt-
schaft, Sie alle haben zur Folge gehabt, daß immer noch Hunderte
von Millionen Mark an Frachtgeldern ins Ausland wandern und so die
deutsche Zahlungsbilanz verschlechtern, weil der Weiterbau der deut-
schen Handelsflotte, den Außenhandelsinteressen nicht entsprechend,
abgestoppt werden muß. Die wirtschaftliche Bedeutung
derSeeschiffahrt wird sich daher in absehbarer Zeit allen Deut-
schen spürbar machen, und zwar in dem Augenblicke, wo der Stillstand
der Handelsflotte zu einer für Deutschland katastrophalen Wirtschafts-
krisis sich auswirken wird, Dann wird man die Lage der Seeschiffahrt
als weltwirtschaftliches Problem — vielleicht zu spät — auch bei den
Reparationsgläubigern erfaßt haben und hoffentlich noch danach
handeln.