Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 385
Mark beträgt, sind im Monat April, dem letzten, über den ein Aus-
weis vorliegt, nur noch 93% Millionen Mark aufgewendet worden.
Dies kann ein Zufall sein, und wir wissen aus den Darlegungen der
Reichsbahnverwaltung, daß sie lediglich wegen der gestiegenen
Personalkosten und nur ungern die Sachausgaben Zzurückstellt,
Höchstwahrscheinlich bedeutet eine solche Politik indessen falsche
Sparsamkeit,
Die Zurückhaltung der Reichsbahnverwaltung wird mit dem Hin-
weis auf den übergroßen Betriebsmittelbestand und dem Mangel an
verfügbaren Mitteln begründet. Hierzu ist folgendes zu sagen: Wenn
es richtig ist, daß leistungsfähigere Lokomotiven, großraumigere Wagen,
verbesserte Betriebsanlagen den Nutzeffekt des Betriebes erhöhen, so
ist es kaufmännisch unrichtig, sich mit leistungsschwächerem Material
zu behelfen, lediglich, weil es nun einmal vorhanden ist; die Mittel zur
Verbesserung der Betriebsanlagen müssen aufgebracht werden, wenn
zu erwarten steht, daß der Betrieb hierdurch wirtschaftlicher wird. Für
letzteres ein Beispiel: Sämtliche Züge, die auf der Strecke Hamburg—
Frankfurt Hannover berühren, müssen auf eine Entfernung von 15—20
Minuten Fahrzeit in Lehrte und Hannover Spitzkehren fahren. Tag
für Tag entstehen also Zeitaufwand und Rangierkosten angesichts des
bedeutenden in Frage kommenden Verkehrs sicherlich in erheblichem
Umfang, Die direkte Strecke Hannover—Celle ist seit langem so gut
wie fertig; die Übersichtskarten der Kursbücher, auch der amtlichen,
verzeichnen sie bereits, Die Linie ermöglicht einen schlanken Durch-
gangsverkehr, ohne jedes Umrangieren. Aber sie wird nicht in Betrieb
genommen und niemand weiß, warum die noch fehlenden wenigen An-
lagen auf der nahezu vollendeten Strecke nicht geschaffen werden.
Über die wichtige Frage der Selbstkostensenkung
durch zweckmäßige technische Verbesserungen und
durch richtige Betriebsführung liegen ausgezeichnete Dar-
legungen des als Autorität anerkannten Professors Dr.-Ing. Blum-
Hannover”) vor, der bekanntlich speziell als Eisenbahnfachmann zum
Mitglied des Verwaltungsrates der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft
berufen worden ist, Wir folgen ihm und den interessanten Ausfüh-
rungen des Regierungsbaumeisters a. D. Rabe**), Assistenten am Lehr-
stuhl für Eisenbahnwesen der Technischen Hochschule Hannover, bei
der folgenden Erörterung dieser für die Wirtschaftlichkeit des Eisen-
bahnbetriebes höchst wichtigen Fragen, Professor Blum betont, daß die
Reichseisenbahn-Gesellschaft die Pflicht habe, dem Selbstkostenproblem
") „Die Reichsbahn‘ Nr. 25, Seite 193, Artikel: „Bescheidenheit.”
**) „Neuzeitliche technische Fortschritte im Eisenbahnwesen“ im „Wirtschafts-
blatt Niedersachsen‘ 1925, Nr. 17—18.
Die deutsche Wirtschaft.
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