Full text: Die deutsche Wirtschaft

400 Direktor Paul Voß: 
republiken starken Aufschwung nahmen. Damals entstanden in 
Deutschland die ersten großen Warenmessen, unter denen sich schon 
irühzeitig die Leipziger Messe hervorhob, Der Grundgedanke bestand 
darin, daß zu bestimmten Zeiten, namentlich vor und nach den Fest- 
tagen der Kirche, Kaufleute aus allen Himmelsrichtungen mit ihren 
Warenbeständen zusammenkamen, um ihre Güter untereinander aus- 
zutauschen, um das zu verkaufen, was ihr Heimatsort im Übermaß 
hervorbrachte, und das einzukaufen, woran zu Hause Mangel bestand. 
Diese Messen waren von Antang an international, Da treffen wir Lom- 
barden, Polen, Russen, Griechen, Skandinavier, Holländer und Flamen, 
Und die Waren, die man zum Austausch bringt, sind die Gewürze 
Indiens, die Seidenstoffe des Orients, Spitzen aus Venedig, Tuche aus 
Flandern, Pelzwerk aus Osteuropa, Leinen aus den Ostseeländern, 
Stockfisch aus Norwegen und deutsche Handwerksware mancherlei 
Art, Die Behörden förderten mit großem Interesse die Entwicklung 
des Messewesens. Das Messeprivileg ward nur wenigen ausgewählten 
Städten erteilt. Auch anderswo entwickelten sich Warenmessen, ins- 
besondere in Osteuropa. 
Mit Beginn der Neuzeit trat eine gewisse Stagnation und ein Verfall 
im Messewesen ein. Dies lag einmal an der Entdeckung Amerikas und 
des direkten Seewegs nach Ostindien, wodurch die uralte Handels- 
straße, die von den kleinasiatischen Häfen über das Mittelmeer nach 
Venedig und Genua und von hier aus über die Alpen nach Deutsch- 
land, Ost-, Nord- und Westeuropa führte, fast völlig an Bedeutung 
verlor, Die zweite Ursache waren die schweren Kriege, die Deutsch- 
land seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts andauernd heimsuchten. 
Nur die Leipziger Messe blieb damals bestehen, während alle anderen 
deutschen Warenmessen eingingen. Sie stand in innerem Zusammen- 
hang namentlich mit den großen Warenmessen Rußlands, insbesondere 
der von Nishnij-Nowgorod. Dies hing wiederum stark mit der Ent- 
wicklung des Leipziger Rauchwarenhandels zusammen, 
Eine starke Erschütterung erfuhr die Leipziger Messe dann durch 
die Napoleonischen Kriege, Die Mitte des 19. Jahrhunderts brachte 
dann schließlich einen bedeutsamen Wendepunkt. Daß die alte 
Warenmesse überlebt war, daran bestand kein Zweifel mehr. War 
doch inzwischen das moderne Fabrikwesen aufgeblüht, mit der Folge, 
daß der Händler beim Produzenten nicht mehr die bereits fertigen 
Warenvorräte — also „vom Lager“ — zu kaufen brauchte, sondern 
nach einem ihm vorgelegten Muster und, wenn nötig, mit gewissen. 
Abweichungen von diesem Aufträge auf eigens zu fabrizierende Ware 
erteilen konnte. Es wäre durchaus sinnlos gewesen, hätte man nun 
auch weiter Warenvorräte auf Warenmessen zusammenschleppen
	        
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