Full text: Die deutsche Wirtschaft

402 Direktor Paul Voß: 
durch die zahllosen Schwierigkeiten, die sich aus der Inflation für die 
normale Abwicklung des Geschäfts ergaben. Vielfach kehrte man, 
wenn auch unausgesprochen, zum Typ der Warenmesse zurück, Denn 
auf diesen Nachkriegsmessen war mit „greifbaren‘ Warenposten in der 
Regel das beste Geschäft zu erzielen, weil hier gleich Ware gegen Kasse 
gegeben werden konnte und somit das ganze Risiko jener unsicheren 
Zeit wegfiel, 
In Deutschland bildete sich in jenen Nachkriegsjahren eine gewisse 
Systematik des Messewesens heraus, mit Leipzig als Zentralmesse, die 
immer stärker für den Binnenhandel und das internationale Geschäft 
in den Vordergrund trat, und mit Frankfurt a. M., Breslau, Königsberg 
i. Pr., Köln a. Rh., Wesel und Kiel als sogenannten „Grenzmessen“, die 
einesteils dem Wirtschaftsbedürfnis bestimmter Provinzen und Landes- 
teile, andernteils dem Warenaustausch mit den jeweils in Frage kom- 
menden Nachbarstaaten dienen sollten, wobei die besonderen Verhält- 
nisse im deutschen Westen, andererseits die komplizierte Lage in Ost- 
europa eine bedeutsame Rolle spielten. Ob nach der Wiederkehr regel- 
mäßiger Wirtschaftszustände, wie sie die Annahme des Dawes-Plans, 
die Wiederherstellung des einheitlichen deutschen Zollregimes im 
Westen und der Beginn der neuen Handelsvertragspolitik (10, Januar 
1925) mit sich bringt, die Vorteile der verschiedenen Grenzmessen den 
Nachteil der Zersplitterung des Messewesens noch überwiegen werden, 
dürfte vielleich®anzuzweifeln sein. Wahrscheinlich wird die Entwick- 
Jung dahingehen, daß man entweder die „Grenzmessen‘ in Märkte für 
den industriellen Güteraustausch bestimmter Landesteile oder in 
gewisse Spezialmessen umwandelt, wobei die Aufgaben des inter- 
nationalen Geschäfts wieder völlig in Leipzig zentralisiert würden, Für 
den deutschen Markt waren in den letzten Jahren auch die Neu- 
gründungen einer Prager Messe und einer Wiener Messe von Bedeu- 
tung. Für die Staaten, in deren Hauptstädten sie abgehalten werden, 
zweifellos von bestimmtem Wert, überschätzten sie doch wohl ihre 
Kraft, wenn sie sich bemühten, einen Teil der deutschen Aussteller- 
schaft an sich heranzuziehen und gewisse Funktionen des deutschen 
Messewesens zu übernehmen. Die Ausstellerfrequenz der wichtigsten 
deutschen Messen neben Leipzig betrug nach letzten Feststellungen in 
Frankfurt (Frühjahrsmesse 1925) 2638, in Königsberg (Frühjahrsmesse 
1925) 1420, in Köln (Frühjahrsmesse 1925) 2047, in Breslau (Frühjahrs- 
messe 1925) 1102, in Kiel (Frühjahrsmesse 1925) 370, 
Das deutsche Ausstellungswesen hat sich ähnlich wie in anderen 
Kulturstaaten entwickelt, Daß neuerdings zahlreiche Fachausstellungen 
sich als „Messen‘ bezeichnen, ist ein irreführender Mißbrauch, der bald 
wieder verschwinden dürfte. 
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