Messen und Ausstellungen, 401
wollen. Die „Waren‘”-Messe war also tatsächlich erledigt. Nicht aber
der Meßgedanke selbst, also die Zusammenfassung aller Ein- und Ver-
kaufsinteressenten einer oder vieler Branchen zu bestimmter Zeit an
bestimmten Orten zum persönlichen Austausch von Angebot und Nach-
frage. Die neue Fabrikindustrie des 19. Jahrhunderts erkannte, daß
man neben den inzwischen üblich gewordenen Systemen der Kunden-
werbung, Aussendung von Reisenden, Versand von Mustern und Pro-
spekten, auch den Meßgedanken in neuer Prägung in den Dienst der
Handelsinteressen stellen konnte, Man brauchte ja nicht mehr die
Waren selbst zur Messe zu bringen, man konnte ja auch einfach die
Muster ausstellen und die Bestellungen der Meßbesucher darauf ent-
gegennehmen, um sie dann von der Fabrik aus zu beliefern.
Die Leipziger Messe vollzog diese Umstellung um die Mitte des
19, Jahrhunderts, mit dem Resultat, daß 1885 bereits die Mustermesse
in ihren Grundzügen vollendet war. 1892 wurde dann zur Regelung
des Messewesens ein Messe-Ausschuß gegründet, 1917 schließlich das
Meßamt, Anfangs waren es vor allem die Branchen der Fertigwaren-
industrie, die der Leipziger Messe angehörten, also Haus- und Küchen-
bedarf, Spielwaren, Luxus- und Papierwaren, Stahl- und Metallwaren,
Holzwaren. Allmählich geschah die Umbildung zur „Allgemeinen
Mustermesse‘, die auch Textilien, Schuhwaren, Musikinstrumente,
Buchgewerbe und Graphik, Möbel, Bürobedarf umfaßte, während sich
gleichzeitig in großem Maßstab die Leipziger „Technische Messe mit
Baumesse‘ entwickelte, Diese Ausgestaltung der modernen Leipziger
Mustermesse setzte besonders kräftig während des Weltkrieges ein
und ist seitdem in ständigem Fortschreiten begriffen. An der Leipziger
Frühjahrsmesse 1925 waren 13 996 Aussteller beteiligt; auf der gleichen
Messe betrug die Zahl der geschäftlichen Meßbesucher 180 000,
darunter 17200 aus dem Auslande.
Bis zum Beginn des Krieges war die Leipziger Mustermesse die
einzige moderne Messe der ganzen Welt von internationalem Zuschnitt
und Charakter. Erst im Krieg entstanden im Auslande, vor allem bei
den Kriegsgegnern Deutschlands, verschiedene neue Messen, fast durch-
weg mit der Tendenz des Wirtschaftskrieges. So 1915 in London, 1917
in Birmingham, 1916 in Lyon. Nach dem Kriege setzte auch in Deutsch-
land und in zahlreichen anderen Ländern, die bisher noch keine Messen
hatten, eine lebhafte Entwicklung ein. Das treibende Motiv war das
Bedürfnis vieler Städte, nach den Schädigungen des Kriegs eine neue
Anziehungskraft für den Fremdenverkehr und eine Verbesserung
ihrer wirtschaftlichen Lage zu erzielen. Psychologisch erleichtert wurde
die Gründung neuer Messen durch den allgemeinen Warenhunger der
Nachkriegszeit, durch die immer noch abnorme Lage des Verkehrs,
Die deutsche Wirtschaft,
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