Messen und Ausstellungen, 403
I, Die Bedeutung des Messewesens 1ür die Volks-
und die Privatwirtschait,
Unsere deutsche Volkswirtschaft ist in den letzten zehn Jahren
mehr als einmal dem gefährlichsten Abgrunde nahe gewesen, einer
Katastrophe gewärtig, gegen die der wirtschaftliche Zusammenbruch
Rußlands fast ein Kinderspiel zu nennen gewesen wäre, Es kommt uns
heute noch fast wie ein Wunder vor, daß wir der Gefahr, wie sie sich
im Herbst 1923 zu kritischem Höhepunkte erhob, schließlich: doch unter
immerhin noch erträglichen Opfern entgangen sind. Wir haben unsere
volkswirtschaftliche Organisation gerettet, haben das Anlagekapital
unserer Produktion — abgesehen von den Gebietsverlusten — unver-
sehrt erhalten und beklagen zwar die Einbuße des größten Teils
unseres volkswirtschaftlichen Betriebskapitals, sehen aber doch einen
Hoffnungsschimmer in der Möglichkeit, durch zielbewußt sparsame
Wirtschaft auf solider Währungsbasis das Verlorene in angemessener
Zeit wieder aufzubauen.
Prüfen wir die Faktoren, denen wir die Überwindung der Krise am
meisten zu verdanken haben, dann können wir nicht am Messewesen
vorübergehen, Wir wollen nicht vergessen, daß es Zeiten gab, wo der
geordnete Verkehr zwischen Produzent und Händler fast unmöglich
geworden war, Der Produzent sah sich genötigt, Goldmark- oder
Devisen-Preisbasis zu fordern; der Händler aber konnte, wie er selbst
nur Papiermark einnahm, so auch seinen Lieferanten wiederum nur
Papiermark bieten, An diesem Interessengegensatz drohte jeder
gesunde Geschäftsverkehr zu scheitern. Das Wirtschaftsleben setzte
sich fast nur noch aus Überraschungen, Sensationen und Spekulationen
zusammen, Im Wirbel der Erscheinungen war nur das Wort „frei-
bleibend‘ beständig. In dieser Zeit entfaltete das Messewesen eine
segensreiche Tätigkeit, Es führte die widerstreitenden Elemente per-
sönlich zusammen, wirkte vereinfachend auf die Formen des Geschäfts-
verkehrs, ermöglichte Ersparnisse an Spesen und gestattete, so gut es
in jenen Zeiten ging, eine Versorgung des Konsums, die sonst unmöglich
gewesen wäre, Besonderen Nutzen zog aus der Teilnahme an den
Messen unser Auslandsgeschäft, Auslandsgeschäft war ja in der In-
flationszeit nicht nur der „deutsche Ausverkauf“ unseligen Andenkens,
sondern auch die Aufrechterhaltung und Neuanknüpfung solider Aus-
landsverbindungen im Lebensinteresse unserer Exportindustrie. Man
erinnert sich wohl, daß damals im Ausland die unglaublichsten Gerüchte
über Deutschlands innere Verhältnisse im Umlauf waren. Die Güte
der deutschen Waren wurde angezweifelt, die Solidität der deutschen
Kaufleute bestritten, der Einkauf in Deutschland überhaupt als un-
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