Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschalt. 463
keiten, die der Fortschritt bedingt, weniger ausgesetzt. Technische Er-
findungen, die oftmals und leicht alte Gewerbezweige beseitigen, ver-
mögen ihn nicht in seinen Grundfesten zu erschüttern. Sein Leben
spielt sich in wesentlich engeren Grenzen ab, sein Reich ist nicht die
große Welt, in welcher der Händler und der Industrielle leben. Die
weitgehende Dezentralisation der landwirtschaftlichen Betriebe, das
Zusammenleben in engsten Gruppen — Höfesystem, Dorfgruppierung —
steht in vollkommenem Gegensatze zu der Zentralisation der Industrie
und der industriellen Gruppen in Städten und Städtebezirken. Die
Massen des Volkes — auf engem Raum zusammengedrängt — können
nicht in gleichem Maße das Staatsgefühl empfinden, wie es in dem
Heimatgefühl dem Landvolke angeboren ist. Es „besitzt‘‘ in ganz
anderem Ausmaße und eigentlich den Staat. In der Eigenart und Be-
schaffenheit der ländlichen Arbeit findet die besondere Art des Land-
volkes eine weitere Stütze, Der landwirtschaftliche Betrieb ist ein or-
ganisches Ganzes, Die weitgehende Arbeitsteilung, wie sie in der In-
dustrie möglich und die Regel ist, bleibt ihm fremd. Die Entseelung
der Arbeit, welche industrielle Arbeitsmethoden schaffen, kennt er
nicht, Des Landmanns Arbeit fordert in viel höherem Maße Können,
es nimmt das ganze Interesse des Menschen in Anspruch und schafft
die Liebe zum Berufe. Es erzieht den Menschen zur Ehrfurcht gegen-
über den Gesetzen der Natur, zur Bescheidenheit gegenüber dem Wal-
ten natürlicher Kräfte, welche außerhalb menschlicher Macht stehen.
Selbst die Arbeit des nichtselbständigen Landarbeiters ist in viel
größerem Umfange eine schöpferische als die des Industriearbeiters.
Während der Industriearbeiter meist durch eine rein mechanische, jahr-
aus, jahrein sich täglich wiederholende Teilarbeit gebunden ist und den
Wert und die Bedeutung seiner Arbeit im Rahmen des ganzen Unter-
nehmens, in dem er beschäftigt ist, nicht überblicken kann und somit
den inneren Zusammenhang und das persönliche Interesse an dem Ge-
deihen des Gesamtwerkes verliert, kann der Landarbeiter dauernd den
Erfolg seiner Arbeit im Gesamtbetriebe überblicken. Er sieht die
Früchte seiner Arbeit reifen, und damit wird seine Tätigkeit aus der
geistlosen, mechanischen Arbeit des Fabrikarbeiters emporgehoben zu
der schöpferischen Tätigkeit, die allein den Menschen auf die Dauer
zu befriedigen vermag, Daher findet man selbst bei den Arbeiter-
familien des Landes, die keinen Besitz haben, in außerordentlich viel
stärkerem Maße als bei der Industriearbeiterschaft das Heimatgefühl
und die Liebe zum Betriebe, in dem sie beschäftigt sind, ausgebildet.
So gibt es auf den Gütern, die einen dauernden Tagelöhnerstand be-
schäftigen, Familien, die zwei und mehrere Generationen hindurch der
Arbeitsstätte treu bleiben.