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Überschauen wir die Geschichte des Lehenswesens im ganzen,
so muß schließlich auch die Tatsache stark hervorgehoben werden,
daß dasselbe sich ja auch bei Staaten mit weitaus überwiegender
Geldwirtschaft bis ins 19. Jahrhundert erhalten hat; ich erinnere
bloß an Mecklenburg und Österreich. Es wäre hier und anderwärts
sicher längst aufgelöst und beseitigt worden, wenn es wirklich
von der Naturalwirtschaft abhängig oder durch die Unfähigkeit,
in Geld zu zahlen, bedingt gewesen wäre. Der Zusammenhang
mit politischen Ursachen und ständischen Verfassungsformen tritt
hier unmittelbar zutage. So lange diese bestanden, blieb auch das
Lehenswesen aufrecht.
Wir wenden uns nunmehr nach der anderen Seite des Pro-
blems zum Kapitalismus. Ist er wirklich die spezifische
Ausdrucksform der Geldwirtschaft und durch diese heraufgeführt,
ja geradezu bedingt? Ich möchte dies bestreiten und die An-
schauung vertreten, daß der Kapitalismus auch im Rahmen vor-
wiegend naturalwirtschaftlicher Zeiten möglich, ja konkret auch
historisch nachweisbar ist.
Vor allem kann das Reich der alten Juden dafür einen
interessanten Beleg liefern. Zu der Zeit, als sie im Gelobten
Lande (Kanaan) längst seßhaft geworden waren und Ackerbau
betrieben, eifern einzelne Propheten gegen die Ausbeutung des
Volkes durch gewissenlose Kapitalisten. So wendet sich Jesaja
gegen sie: „Wehe denen, die Feld an Feld reihen und Haus an
Haus rücken, bis kein Raum mehr übrig ist und es dahin kommt,
daß ihr allein im Lande wohnt®).“ Die Bauern werden von
den Darlehensgebern in der Stadt ausgesogen, um Haus und Hof
gebracht und dann oft wegen einer geringen Schuld mit Weib
und Kind in die Sklaverei verkauft. Ähnlich auch der Prophet
Micha®”).
Das Gewinnstreben dieser Kapitalisten kommt vornehm-
lich in der Anhäufung von Grund und Boden zum Aus-
druck, die zugleich aber auch persönliche Abhängigkeitsver-
hältnisse zur Folge hat. Die Grundstückspekulation ist von einer
Verknechtung und Proletarisierung bäuerlicher Volksschichten
begleitet.
%) Vgl. F. Wilke, Der Sozialismus im hebräischen Altertum. Religion u.
Sozialismus. Festschr. d. evangel.-theol. Fakultät, Wien 1921, S. 21.
97\ Ebda. S.22 mn. I.