b4 Prof. Dr. E. Horneffer:
nisse verwertet und veräußert werden. Der ganze geistige Vorgang
in dem reichgegliederten kunstvollen Arbeitswerk bleibt dem Arbeiter
ein Buch mit sieben Siegeln. Und dann wundert man sich, daß die Ar-
beiter einem utopischen Wahne verfallen sind, mit ihren ganzen Vor-
stellungen von der Wirtschaft in utopischen Träumen schwelgen, und
daß es gar nicht gelingen will, sie mit ihren Begriffen auf den Boden der
tatsächlichen Wirklichkeit zurückzuführen. Nicht die höchste Kunst
der Beredsamkeit kann einen utopischen Schwärmer von seinen Wahn-
bildern heilen, auch die beweiskräftigste Wahrheit überzeugt ihn nicht.
Er lacht dieser. Wahrheit ins Gesicht, er hält seinen Wahn fest.
Ich möchte gerne wissen, wie sich eigentlich unsere Unternehmer
die Befreiung der deutschen Arbeiterschaft von den Utopien, welche
sie beherrschen und knechten, vorstellen, Die politische Propaganda
ist, wie die Erfahrung gelehrt hat, nicht das geeignete Mittel, dieses
Ziel zu erreichen, Und bloß von der Heilkraft der Zeit einen so tief-
greifenden geistigen Umschwung zu erwarten, dürfte gleichfalls ver-
fehlt sein. Am allerunwirksamsten aber ist gewiß die rein theoretische
Belehrung und Aufklärung, die man mit Hochschulkursen über die
Volkswirtschaft im allgemeinen anzustreben sucht. Es gibt nur einen
Weg, einen langsamen, mühevollen und steilen Weg, Utopien auszu-
merzen. Das ist der Weg der Erfahrung. Und ich setze hinzu, nur die
Einzelerfahrung, die ganz bestimmte Erfahrung an dem einzelnen
bestimmten industriellen Werke, an dem lebendigen Betriebe mit seinen
Nöten und Schwierigkeiten, seinen Bedingungen und seinen Leistungen,
nur die unmittelbare Anschauung des wirklichen wirtschaftlichen
Lebens, einer lebendigen wirtschaftlichen Zelle, kann Utopien aus-
schalten, an Stelle der Träume die Erkenntnis der Wahrheit zur
Geltung bringen,
Das Betriebsrätegesetz hat sich durchaus nicht nur als schädlich in
der praktischen Erfahrung erwiesen. Es ist geeignet, auf neue wirt-
schaftliche Wege hinzuweisen. Die Wirkungen des Gesetzes waren
durchaus nicht immer so verheerend, wie man ursprünglich gefürchtet
hatte. Gar manche Arbeiter, die in den Betriebsrat entsandt worden
waren, haben an Hand der unwiderlegbaren, aufdringlichen, überzeugen-
den Erfahrung klarere Einsichten über das Schicksal und die Aufgaben
ihrer Betriebe gewonnen. Aber sie haben dann meist sich der Pflicht
zu entziehen gewußt, nunmehr aus ihrer Einsicht heraus aufklärend auf
ihre Kameraden einzuwirken, was übrigens auch keine dankbare Auf-
gabe ist. Der Direktor eines großen Werkes erzählie mir, daß einer
seiner Arbeiter im Betriebsrate den Wunsch aussprach, „ob der Herr
Direktor das nicht in einer Betriebsversammlung selbst vor den Ar-
beitern vortragen möchte‘, worauf dann sein Kollege im Betriebsrate