Die Wirtschaft und die soziale Frage, 67
man sich keinen Täuschungen hingeben. Und dennoch muß mit rast-
loser Geduld dieser Versuch immer und immer wieder erneuert werden.
Wie behandelt man ein trotziges Kind? Und unsere großen Massen
sind heute ein wild sich gebärdendes, trotziges, aber im Grunde nicht
schlechtes Kind, Ich glaube, man irrt, wenn man die deutschen Volks-
massen im großen und ganzen für schlecht und verderbt ausgibt. Ihre
Reden und ihre Gebärden erwecken allerdings diesen Anschein, wie ein
trotziges Kind den Schein unheilbarer Bosheit erwecken kann. Aber
hinter dem Schein verbirgt sich das Wesen. Dieses Wesen des
deutschen Volkes, auch der breiten Arbeitermassen, ist nach meiner
festen Überzeugung nicht schlecht, innerlich verderbt und entartet,
sondern nur trotzig. Wie beruhigt man ein trotziges Kind und bringt es
zur Vernunft zurück? Nicht durch Schelten, noch weniger durch
Schläge, Und wenn man nach der Diktatur bei uns ruft, nach der
starken Gewalt, die mit eisernem Besen auskehren solle, so gleichen
diese Maßnahmen dem Schelten und Schlagen, das unfähige Erzieher
allein bei einer sich aufbäumenden und trotzigen Jugend anzuwenden
pflegen, womit sie aber deren Zustand nur noch weit mehr verschlim-
mern, bis sie sie völlig verstocken. Durch falsche Behandlung in der Er-
ziehung können gutgeartete Wesen bis in die volle Entartung, bis ins
Verbrechertum verstockt und verprügelt werden. Ein trotziges Kind faßt
man sanft und zart an die Hand, redet ihm langsam und geduldig,
freundlich und gelassen zu und bringt es so ganz allmählich wieder zur
Herrschaft der eigenen Vernunft und Einsicht, so hebt man langsam den
besseren Teil seines Wesens wieder empor. Und wenn einmal erst der
Anfang gemacht ist, ist das Kind selbst überglücklich, von diesem Trotz
erlöst zu werden. Denn es leidet selbst schwer und tief unter diesem
Widerwillen gegen die Erzieher und Führer, zu denen Vertrauen zu
haben ihm selbst tiefstes Bedürfnis ist.
Ich weiß wohl, man kann die Beziehung zwischen einzelnen nicht
auf ganze große soziale Schichten übertragen. Aber ich meine doch,
daß uns dieses Beispiel und Gleichnis etwas zu lehren vermag. Es
kann auch bei der Überwindung der sozialen Spannung nur mit grenzen-
loser Geduld etwas erreicht werden. Aber es muß auch etwas
geschehen. Es muß irgendwie der Anfang gemacht werden. Man
muß beginnen, irgend etwas zu tun, zu unternehmen, um aus der qual-
vollen Spannung, mit der die sozialen Schichten feindselig bis ins
innerste Herz einander gegenüberstehen, herauszukommen. Was aber
kann dies sein, das man zu tun verpflichtet ist? Materielle Leistungen
sind so gut wie gänzlich ausgeschlossen. Ich will nicht behaupten, daß
nicht auch auf diesem Gebiete gewisse Möglichkeiten vorhanden sind,
ohne die Tragfähigkeit unserer Wirtschaft zu überlasten. Ich habe in
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