bo Prof. Dr. E. Horneffer:
meinem Buche „Die große Wunde. Psychologische Betrachtungen zum
Verhältnis von Kapital und Arbeit‘ mich darüber ausgesprochen,
worauf ich verweisen muß. Aber solche materiellen Leistungen werden
bei der namenlosen Überlastung unserer Wirtschaft durch den ver-
lorenen Weltkrieg, durch die ganze Weltwirtschaftslage immer nur
äußerst geringfügig bleiben müssen. Das deutsche Volk wird in allen
seinen Teilen bei sehr geringem Entgelt, bei sehr kümmer-
licher Besoldung unsäglich arbeiten müssen, Wir müssen, darüber
kann kein Zweifel obwalten, allesamt durch herbe, bittere, schwere
Armut hindurchwandern, Das wird zuletzt auch der Arbeiter be-
greifen müssen, Um so mehr aber sind wir genötigt, nach einem
anderen Ausgleich und Entgelt zu suchen. Die uralte Wahrheit bleibt
bestehen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es
schlummern in den Arbeitern, wenigstens in dem besten Teile unter
ihnen, in jenem strebsamen, begabten obersten Viertel, von dem ich
eben gesprochen habe, Befähigungen höherer, geistiger Art. In ihrer
politischen Betätigung können wir genugsam diese ihre höheren Befähi-
gungen beobachten und würdigen, Die Menschen sind niemals ganz
einseitig veranlagt, niemals ausschließlich nur zum Gehorchen und
Folgen, nur zum Ausführen von Befehlen, zur Unterordnung berufen.
Es schlummern in ihnen auch direktive Begabungen, Fähigkeiten
zum Leiten, zum Ratschlagen, zum Anordnen und Führen, die bei der
heutigen Wirtschaftsordnung, die die Arbeiterschaft gänzlich außer-
halb der geistigen Leitung der Werke stellt, nicht zur Ausbildung und
Entfaltung kommen. Und das verbittert, das treibt in den Wider-
spruch und die Auflehnung hinein. Die Befriedigung aber urwüchsiger
Bedürfnisse hat eine erstaunlich heilsame Wirkung, gewiß nicht im
Augenblicke, aber mit dem langsamen Wirken der Zeit,
Und die Leiter der großen Werke sollen nicht glauben, daß sie nun
damit, wenn sie den Arbeitern einen gewissen Anteil und Einblick in
die höheren geistigen Funktionen der Wirtschaft gewähren, die in-
timsten Geheimnisse ihrer Werke verraten müßten. Es gibt keine
menschliche Gesellschaft, nicht den einfachsten Verein mit den gering-
fügigsten Zwecken, wo nicht der gewählte Vorstand die Tugend der
Schweigsamkeit besitzen muß, In jeder Gemeinschaft gibt es Dinge,
die noch nicht spruchreif sind, die unter der schützenden Hülle der
Schweigsamkeit reifen müssen. Der Gedanke beispielsweise, die
staatsmännische Leitung eines ganzen Volkes, selbst die äußere Politik
vor aller Welt mit schrankenloser Offenheit führen zu wollen, ist von
all dem Wahnsinn der Gegenwart wohl der tollste Wahn gewesen.
Schweigen ist eine Kunst, eine hohe und edle Kunst; aber auch Reden
und Bekennen, Mitteilen ist eine Kunst und Pflicht. Jedes muß an se i-
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