7 Leopold Merzbach:
städtische Grundbesitz, deren stabiler Wert und gleichmäßige Renta-
bilität in einem hohen Maße wahrscheinlich sind. Die Industrieanlage
behält jedoch nur dann ihren unveränderten Wert, wenn aus ihr eine
fortlaufende Rentabilität zu erzielen ist. Ist das nicht der Fall, oder
kommt gar das Unternehmen zum Stillstand, so hat die mit teuren
Mitteln errichtete Anlage nur Abbruchswert,
Selbst in Obligationsform gewährter Hypothekarkredit konnte nur
solchen Wirtschaftsunternehmungen zufließen, die erstklassige subjek-
tive und objektive Sicherheit boten. Wurden selbst diese Voraus-
setzungen erfüllt, so mußten sich dennoch industrielle Unternehmungen
mit niedrigeren Beleihungsquoten als andere Wirtschaftskreise begnü-
gen. Wenn ganz große Gesellschaften von Weltruf in den Vorkriegs-
jahren Obligationen ohne jede hypothekarische Sicherheit emittieren
konnten, so hatte das seinen Grund in dem unbegrenzten ihnen ent-
gegengebrachten Vertrauen.
Mit Leihkapital allein hätten also die Industriellen ihren Bedarf
nicht finanzieren können. Es bedurfte der Beteiligung weiter Kreise
an den Unternehmungen selbst: in Form der Kommanditgesellschaft bei
natürlichen Personen, oder in Form der Aktiengesellschaft und der Ge-
sellschaft mit beschränkter Haftung bei Körperschaften.
Hauptsächlich durch diesen Zustrom von Kollektivkapital in die
Aktiengesellschaften wurde der gigantische Bau der deutschen Wirt-
schaft aufgerichtet. Die eine Ursache zu diesem Zustrom war, daß eine
Beteiligung an einer Körperschaft ohne persönliches Engagement nach
außen möglich war, wie das in der französischen Bezeichnung „Societe
anonyme‘ ausgedrückt ist. Darauf beruhte die psychologische Bereit-
schaft, Die im englischen Namen „Limited company” hervorgehobene
Risikobeschränkung auf den eingezahlten Betrag war ein wesentliches
anderes Motiv und schuf die Bereitschaft aus ökonomischen Anlässen,
Die leichte Veräußerungsmöglichkeit der Anlage, die sich in der deut-
schen Bezeichnung „Aktie‘“ widerspiegelt, war das dritte Motiv zur
Entstehung von Aktiengesellschaften großen Stils.
Die Aktien mußten gegen sofortige Einzahlung von den Banken
übernommen werden, sowohl um den Vorschriften des Handelsgesetz-
buches als auch um dem finanziellen Bedarf zu genügen. Die Banken
konnten aber die übernommenen Werte nur in längeren Zeiträumen, der
Bildung von Sparkapital entsprechend, placieren. Sie unternahmen
eine volkswirtschaftlich nützliche Spekulation, Unter dieser versteht
man den zeitlichen Ausgleich zwischen Kapitalangebot und -nachfrage,
die niemals im Gleichgewicht sind. Ohne solche Spekulation ist das
Räderwerk des modernen, fein organisierten Wirtschaftsbetriebs nicht
in Gang zu halten.. Sie in der beschriebenen Art zu unternehmen, ist