Full text : Der gesetzgeberische Ausbau des Deutschen Reiches und seine Wirtschaftlichkeitspolitik

34  2'  Abschnitt.  Grundlegung  u.  Ausbau  der  Sozial-  u.  Wirtschaftspolitik.
eine  Stärkung  des  Zusammenhalts  und  dainit  der  Leistnngs-  imb  Konkurrenzfähigkeit
des  Handwerks  erwarteten,  so  ist  dies  schon  aus  dem  Grunde  zu  sehr  verallgemeinert
und  daher  eine  Illusion,  weil  bei  dieser  Annahme  zu  hohe  Ansprüche  an  die  Selbstverwaltungskörper
  kleiner  Plätze,  sowie  an  den  Gemeinsinn,  die  Einsicht  und  Tatkraft  s
der  kleinstädtischen  Handwerker  mit  unterlaufen.  Je  kleiner  die  Plätze,  desto  primitiver
die  Erwerbsverhültnisse,  desto  größer  der  Brotneid  und  die  Gehässigkeit  unter  den
Handwerkern;  allerdings  ist  letztere  —  und  das  ist  zum  Teil  ein  Verdienst  der  Or-  '  I
ganisation  von  1897  —  in  den  letzten  Jahreil  im  Abnehmen  begriffen.  Aber  die
lnit  dem  Jnnungsgesetz  von  1881  gemachten  Erfahrungen  bestätigen  die  schon  früher
feststehende  Erfahrung,  daß  den  Innungen  nicht  die  Gemeinnützigkeit,  Intelligenz
und  Kraft  innewohnt,  um  als  Selbstverwaltungskörper  Aufgaben,  die  über  den  alltägkichell
  Erwerb  hinausgehen,  auf  sich  nehmen  zu  können.  An  den  größeren  Plätzen
und  in  den  Jndustriebezirken  hat  der  Zusammenhalt  der  Sozialdemokratie  für  die
Handwerksmeister  vieler  Gewerbezweige  eine  größere  Anziehlmgskraft  als  der  korporative ­
  Zusammenhalt  der  Innung.  —  Für  Württemberg  war  die  lokale  und  zentrale
Organisation  in  den  Gewerbevereinen  und  der  Kgl.  Zentralstelle  für  Gewerbe  und
Handel  seit  Jahrzehnten  gegeben.
In  Ermangelung  dieser  Organe  gewann  in  Norddeutschland  schon  frühzeitig
der  —  damals  noch  vage  —  Gedanke  der  Errichtung  von  Gewerbe-  (oder  Wirtschasts-)kammern,
  d.  h.  einer  das  Reich  umspannenden  Organisation  und  Interessenvertretung ­
  des  Kleingewerbes  manche  Anhänger.  In  ganz  Süddeutschland  konnten
sich  die  gewerblichen  Kreise  weder  mit  dem  Gedanken  der  lokalen  noch  der  territorialen
Organisation  befreunden.
Von  allgemeinerem  Interesse  ist  an  der  Zunftagitation  ihre  antikapitalistische ­
  Wendung.  Damit  wirft  sich  von  selbst  die  prinzipielle  Frage  auf,  nämlich:  ist
eine  staatliche  Rettungsaktion,  wohin  die  Mittelstandspolitik  teilweise  zielt,  möglich
und  aussichtsvoll?
Mehr  und  mehr  sieht  man  heute  ein,  die  industrielle  Entwicklung  treibt  dahin,
1)  daß  alle  gleichförmigen  Massenartikel  an  den  Großbetrieb  iibergehen,  2)  daß  durch
die  höheren  Ansprüche  der  Technik  und  des  Konsums,  mit  den  Veränderungen
in  den  Bedürfnissen  und  im  Geschmack  der  Käufer,  durch  das  Aufkommen  neuer
Maschinen,  Arbeitsmethoden  und  Rohstoffe  die  gewerblichen  Produttions-  und  Absatzverhältnisse ­
  einem  fortwährenden  Wechsel  unterworfen  sind.  Leben  heißt  heute  Anpassung; ­
  ohne  Anpassung  und  Unterordnung  gibt  es  im  Daseinskampf  kein  Vorankommen ­
  mehr.  Dieser  unabwendbaren  Tatsache,  der  gegenüber  jede  Regierung  machtlos ­
  ist,  wollten  die  Jnnungsfreunde  nicht  Rechnung  tragen  Z.
Von  Anfang  an  mußte  deshalb  die  Jnnungsagitation  verfehlt  sein.  Sie  war
zudem  auf  Erlangung  von  Vorrechten  gerichtet,  wollte  aber  von  Opfern  nichts  wissen.
Genossenschaftlich  handeln  heißt  nicht  allein  Vorteile  beanspruchen,  sondern  auch  Opfer
im  Interesse  des  Ganzen  bringen;  hiezu  aber  ist  das  Handwerk  in  seiner  heutigen
Gestalt  weder  willens  noch  überhaupt  imstande:  ein  Beweis  dafür  ist  die  Stellung

i)  Erst  in  den  letzten  Jahrzehnten  lieferte  hiezu  der  Versuch  der  österreichisch-ungarischen  Regierung ­
  mit  der  Wiedereinführung  des  Befähigungsnachweises  den  Experimentalbeweis:  nachdem
der  Jnnungszivang  dort  zwei  Jahrzehnte  wieder  in  Kraft  ist,  leitet  man  heute  wieder  eine  staatliche ­
  Enquete  über  die  Ursachen  des  Niedergangs  von  Gewerbe  und  Handel  ein.
            
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