Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung, 477
in Preußen, einem starken Druck in der Richtung der Bürokratisierung
ausgesetzt, während auf der anderen Seite der Reichslandbund und
die Bauernvereine als berufliche Interessenvertretung von politischen
Einflüssen nicht ganz frei sind, In Industrie und Handel sind die Orga-
nisationen am vielgestaltigsten. Bei der Interessenvertretung trennen
sich Industrie, Großhandel und Einzelhandel, während in den Industrie-
und Handelskammern alle drei vereinigt sind, was letzteren eine be-
sondere Bedeutung verleiht und sie wohl mit dazu veranlaßt hat, neben
der Zentrale der industriellen Interessenvertretungen, dem Reichsver-
band der Deutschen Industrie, sich im Deutschen Industrie- und Han-
delstag eine besondere Vereinigung zu schaffen, die aber leider
nicht, wie ihre Glieder, bisher das Recht der öffentlichen Körperschaft
genießt,
Es konnte nicht ausbleiben, daß zwei solche mächtige Organi-
sationen, deren Tätigkeitsgebiet teilweise dasselbe ist, in eine gewisse
Konkurrenz traten. Da manche Wirtschaftsführer in beiden Organi-
sationen tätig sind, wird es vor allem ihre Aufgabe sein, unnötige
Reibungen durch Abgrenzung des Aufgabengebietes nach Möglichkeit
auszuscheiden. Im übrigen kann aber eine Konkurrenz sehr wohl
dann stattfinden, wenn der Reichsverband mit seiner Stoßkraft als
industrielle Interessenvertretung eine Sache allein vom Standpunkt der
Industrie behandelt, während der Industrie- und Handelstag sie unter
Berücksichtigung der mit der Industrie oft eng verbundenen Interessen
des Groß- und Einzelhandels beleuchtet und vor allem den objektiveren
Maßstab einer halbamtlichen Berufsvertretung anlegt. Das erfordert
in den Augen der interessierten Wirtschaftskreise manchmal eine Ent-
sagung, aber eine Entsagung zugunsten des Allgemeinwohls und damit
eine Erhebung zu einem höheren Standpunkt der Nationalwirtschaft.,
Gerade das letztere ist es, was die Kammern in den Augen des
Staates zu Trägern der wirtschaftlichen Selbstverwaltung besonders
geeignet erscheinen läßt. Diese Entwicklung hat sich schon im Laufe
des letzten Jahrhunderts angebahnt. Die Kammern sind z. B. die
Träger des landwirtschaftlichen und gewerblichen Schulwesens ge-
worden, Auch die Handelsschulen und Handelshochschulen verdanken
ihnen fast durchweg ihre Entstehung. Sie haben Börsen, Messen und
Märkte eingerichtet, Fachausstellungen veranstaltet, Häfen geschaffen
und unterhalten, Wasserstraßen reguliert oder neu gebaut und andere
Einrichtungen getroffen, die ihren Berufsmitgliedern zugute kamen,
Alle diese Veranstaltungen hätte der Staat im Interesse seiner Bürger
selbst treffen müssen, wenn sie nicht von den Kammern in die Hand
genommen wären. Indem er es den Kammern überließ, sie im Wege
der Selbstverwaltung zu schaffen, befreite er sich selbst von wirtschaft-