Allgem. Charakteristik des kapital. Produktionsproz. Die Profitbildung 139
nischer Unsinn. Um mit bloßen Händen auch nur einen ein-
fachen Pflug herzustellen, wäre eine Zeitdauer erforderlich, die
bei weitem ein Menschenalter überschreiten würde (aus diesem
Umstand könnte ein Böhm-Bawerk Nr. 2 etwa schließen, daß
der Grund der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Arbeiter und
der Entstehung des Profits die kurze Dauer des menschlichen
Lebens sei). Zweitens ist sogar „ganz kapitallose Augenblicks-
produktion‘, wie.z. B. das Sammeln von Wurzeln zur Nahrung
oder ähnliches, ebenfalls unmöglich, da der Grund und Boden
in der kapitalistischen Gesellschaft nicht etwa res nullius ist,
sondern sehr fest durch Bande des Privateigentums gebunden ist.
Und so ist nicht etwa das „Warten‘‘, sondern vielmehr die
Monopolisierungder Produktionsmittel (darun-
ter auch des Grund und Bodens) durch die Klasse der
kapitalistischen Eigentümer die Grundlage der
„Wirtschaftlichen Abhängigkeit“ und des Profitphänomens. Die
Theorie des „Wartens‘“ verhüllt aber den geschichtlichen Cha-
rakter der modernen Beziehungen, die Klassenstruktur der
modernen Gesellschaft und den sozialen Klassencharakter des
Profits.
Wenden wir uns nun einem anderen Punkt der Theorie zu.
„Der Kern und Mittelpunkt der Zinstheorie“ ist, wie Böhm an-
gibt, die geringere Wertschätzung der zukünftigen Güter im Ver-
gleich mit den gegenwärtigen. Der berühmte Wilde Roschers
gibt für die ihm geborgten 90 Fische nach einem Monat 180 'zu-
rück, wobei er noch einen beträchtlichen VUeberschuß von 720
Fischen übrig hat. Und er schätzt die „gegenwärtigen‘‘ 90
Fische höher als die „Zukünftigen‘‘ 180. Dasselbe geschieht an-
nähernd auch in der modernen Gesellschaft. Nur ist die Wert-
differenz — meint Böhm-Bawerk — nicht so groß. Doch wo-
durch wird diese überhaupt bestimmt? Hierauf finden wir bei
ihm folgende Antwort: „Sie (die Wertdifferenzen. N. B.) sind am
größten für Leute, die von der Hand in den Mund leben ... Ge-
ringfügiger ... ist die Differenz... bei Leuten, die schon einen
gewissen Gütervorrat besitzen?®.“ Da es aber „eine außerordent-
lich lange Reihe von Lohnarbeitern gibt, da infolge ihres ‚„zah-
lenmäßigen Uebergewichts‘‘ der Preis so gebildet wird, daß ein
gewisses Agio als Ergebnis der subjektiven Wertschätzungen
% Bei dem Vorrat von 90 Fischen kann er Netze machen und somit die
Produktivität seines Fischfanges steigern. Uebrigens nennt Böhm-Bawerk, ganz
wie es sich für einen Rentier ziemt, die Profitkategorie „Zins“.
5 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie“, S. 471 u. 472.