Die Profittheorie (Fortsetzung)
Deckung rechnen kann, sondern vielmehr infolge der
relativ schwachen sozialen Position des Arbeiters®. Er hat
auch keine Hoffnung, sich „heraufzuarbeiten‘“, und eben dadurch
erklärt sich auch die Lage des Proletariats aller Länder. Also:
Der „erste Grund‘ der Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter
im Vergleich zu den zukünftigen trifft für die Wertmotive des
Arbeiters schon ganz und gar nicht zu. Ebensowenig taugt
diese Erklärung aber auch für die Erklärung der Wertschätzun-
gen der kapitalistischen Unternehmer. Darüber
sagt kein anderer als Böhm-Bawerk selbst folgendes: „Würden
die Kapitalisten ihren ganzen Vermögensstamm als gegenwärtige
Güter verwerten, das ist, in gegenwärtigem Genusse verzehren,
so würde augenscheinlich der Bedarf der Gegenwart überfließend
versorgt, während der Bedarf der Zukunft ganz ungedeckt
bliebe... Soweit es auf nichts anderes ankommt
als auf die Verhältnisse von Bedarf und
Deckung in Gegenwart und Zukunft,sind für
Besitzereinesden Bedarf der Gegenwart über-
steigenden Vermögensstammes gegenwärtige
Güter als solche sogar weniger wert als künf-
tig e®.“
Für den Kapitalisten sind gegenwärtige Güter, sofern sie sei-
nen eigenen Bedarf übersteigen, in dem Maße nützlich, als er
sie produktiv konsumiert, d. h., sofern er sie in Zu-
kunftsgüter verwandelt. Dieser Umstand bringt es mit sich,
daß nicht die gegenwärtigen, sondern vielmehr die zu -
künftigen, das ist in unserem Falle die Arbeit, höher ge-
schätzt werden. Wir sehen also, daß sowohl vom Standpunkte
der Nachfrage als auch dem des Angebots der „erste Grund“ ab-
solut unzutreffend ist.
Wenden wir uns nun dem „zweiten Grund“ zu. Böhm-Bawerk
sieht ihn im folgenden: „Wir unterschätzen systematisch unsere
künftigen Bedürfnisse und die Mittel, die zu ihrer Befriedigung
dienen!‘.“ An der Tatsache selbst hegt Böhm-Bawerk keine
Zweifel, nur äußert sie sich nach ihm in verschiedenem Grade,
und zwar, je nach Nation, nach Alter und Person; ganz kraß
tritt sie uns bei Kindern und Wilden entgegen. Drei Gründe sind
es, die diese Erscheinung hervorrufen: 1. Die Lückenhaftigkeit
der Vorstellungen von den zukünftigen Bedürfnissen; 2.'die
mangelhafte Beschaffenheit des Willens, der zufolge wir die Ge-
8 Stolzmann 1. c. S. 306 u. 307.
9 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie‘, S. 510.
10 1b. S. 445.
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