3% Einleitung
Im Jahre 1854 gab Hermann Gossen eine genaue und
klare Begründung der Grenznutzentheorie, die er in seinem
Werke „Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und
daraus fließenden Regeln für menschlisches Handeln‘ mathe-
matisch formulierte. Gossen forschte nicht nur nach „neuen
Wegen‘, sondern gab auch seiner Theorie eine recht durchdachte
und abgeschlossene Form. Manche Thesen, die zumeist den
Oesterreichern (K. Menger) zugeschrieben werden, finden sich
bereits bei Gossen, und zwar völlig herausgearbeitet, so daß
eben in ihm der Vater der Grenznutzentheorie gesehen werden
müßte. Gossens Werk blieb ganz unbemerkt, der Verfasser würde
der völligen Vergessenheit preisgegeben sein, wäre er nicht ın
den 70er Jahren von neuem entdeckt worden; dabei haben die
späteren Vertreter der Ideen, die ähnlich den Gossenschen sind,
ihn sofort als den Gründer der Schule anerkannt. (Gossen selbst
schätzte sein Werk sehr hoch ein und nannte sich den Koperni-
kus der politischen Oekonomie.)
Annähernd zur selben Zeit ist in England, in der Schweiz und
Oesterreich, durch die Arbeiten Stanley Jevons, Leon Walras’ und
K. Mengers ein festes Fundament für die neue Richtung gelegt
worden. Sie waren es auch, die das Werk ihres vergessenen Vor-
gängers wieder in Erinnerung brachten“, Welche Bedeutung
Gossen hatte, ist am besten aus der Wertschätzung, die Jevons
und Walras ihm zollen, zu ersehen. Nach einer Darstellung der
Gossenschen Theorie schreibt Jevons: „Aus dieser Darstellung folgt,
daß Gossen mir sowohl in den allgemeinen Prinzipien als auch in
der Methode der ökonomischen Theorie voranging. Soweit ich es
beurteilen kann, ist seine Art, die Grundlagen der Theorie zu be-
handeln, sogar allgemeiner und tiefer als die meinige.“
Aehnlich ist auch das Urteil Walras’®*: „Es handelt sich —
schreibt er — um einen Mann, der völlig unbeachtet vorüber-
32 Das Buch Jevons erschien im Jahre 1871 (Stanley Jevons: „Theory of
political economy“, London and New-York 1871). Das Buch von Menger er-
schien im selben Jahre (K. Menger: „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“,
Wien 1871); endlich das von Walras: „Principe d’une theorie mathematique
de l’echange‘“ erschien im „Journal des Economistes‘“ im Jahre 1874. Hin-
sichtlich der Prioritätsfrage siehe den Briefwechsel zwischen Walras und
Jevons: „Correspondence entre M. Jevons et M. Walras“, die letzterer in
seiner „Theorie mathematique de la richesse sociale‘, Lausanne 1883, S. 26
bis 30, anführt.
383 Siehe Leon Walras: „Etudes d’economie sociale“, Lausanne und Paris
1896, den Abschnitt „Un economiste inconnu“, S. 360.
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