Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt 49
vorhanden, so sind damit auch ihre Folgen gegeben. Eben dieser
Charakter der theoretischen ökonomischen Gesetze macht deren
Anwendung auf Länder und Epochen, in denen die soziale Entwicklung
bereits eine entsprechende Höhe erreichte, möglich; deshalb
konnten z. B. die russischen Marxisten richtig das „Schicksal
des Kapitalismus in Rußland‘ voraussagen, obwohl die Marxsche
Analyse sich auf ein konkretes empirisches Material stützte,
das sich auf England bezog“.
Also, der „historische‘“ Charakter der Gesetze der politischen
Oekonomie verwandelt diese noch keineswegs in eine Wissenschaft
vom idiographischen Typus. Andererseits kann aber auf
diesem Gebiete lediglich der historische Gesichtspunkt allein von
Erkenntniswert sein.
Die politische Oekonomie als Wissenschaft kann zu ihrem
Gegenstand nur die Waren- resp. die kapitalistische Warengesellschaft
haben. Würden wir es mit einer auf irgendwelche Art
organisierten Wirtschaft zu tun haben, so z. B. die Oikos-Wirtschaft
von Rodbertus, oder die urkommunistische Gesellschaft,
das feudale Landgut oder die organisierte vergesellschaftete Wirtschaft
des sozialistischen „Staates“, so würden wir da kein einziges
Problem finden, dessen Lösung in das Aufgabengebiet der
theoretischen politischen Oekonomie fällt; diese Probleme beziehen
sich auf die Warenwirtschaft, besonders auf deren kapitalistische
Form: so die Probleme des Wertes, Preises, Kapitals,
Profits, der Krisen usw. Dies ist zweifelsohne kein Zufall: gerade
gegenwärtig, bei der mehr oder weniger ausgesprochenen Herrschaft
des Systems der „freien Konkurrenz“ kommt der elementare
Charakter des Wirtschaftsprozesses besonders klar zum Ausdruck,
bei dem der Individualwille und -zweck ganz in den Hintergrund
tritt gegenüber der sich objektiv abwickelnden Kette der
sozialen Erscheinungen. Nur für die Warenproduktion als solche
und ihre höchste Form, die kapitalistische Produktion, ist
historisch-statistische und endlich die historisch-philosophische, welche einen
synthetischen Charakter besitzt (S. 9). Und ferner: „Auf sozialistischem Gebiete
hat die historisch-philosophische Methode einesteils durch Saint-Simon
und sodann in extrem materialistischer Richtung durch Karl
Marx und Friedrich Engels Vertretung gefunden... Erfolgreich bekämpft
werden kann er (der historische Materialismus. N. B.) nur auf dem
gleichen, d. h. historisch-philosophischen Boden.“ (Ibid.)
Hiermit wird gerade die Fruchtbarkeit der Marxschen Methode anerkannt,
die freilich nach Oncken mit dem Idealismus von Kant vereinigt werden
müßte, um die Verderblichkeit der Marxschen materialistischen Theorie
besser bekämpfen zu können.
* Das begreift freilich Bulgakow ganz und gar nicht. Siehe seine Kritik
der Marxschen Prognose in der „Philosophie der Wirtschaft“.