Full text: Die Entwickelung der Fabrikindustrie im lateinischen Amerika

Argentinien. 
jenige alter Kulturländer, in denen schon alle wirtschaftlichen 
Kräfte nutzbar gemacht worden sind. Wenn man sieht, zu 
welchen Ungerechtigkeiten und Begünstigungen das in Argen- 
tinien herrschende Steuersystem die Hand bietet, so muß 
man mit Recht darüber staunen, daß Gründe der Gerechtig- 
keit und Gleichmäßigkeit der Besteuerung vom Kongreß für 
die Abschaffung der Ausfuhrzölle als ausschlaggebend an- 
genommen wurden‘). 
‚Der Ertrag der staatlichen Einnahmen hängt, wie oben 
bewiesen, zu über 50 % von der Höhe der Einfuhr ab, was 
unter den besonderen Verhältnissen Argentiniens keine günstige 
Grundlage für das gesamte Einnahmesystem ist. Dazu kommt, 
daß je entwerteter das Umlaufsmittel, desto größer die 
fiskalischen Einnahmen sind. Der Staat bezahlt mit Aus- 
nahme der Zinsen der auswärtigen Schuld alles mit Papier. 
Von den Geldeingängen bleibt nun nach Abzug des aus- 
wärtigen Schuldendienstes und des Betrages von Ankäufen 
in Europa immer eine ziemliche Menge übrig, die in Papier 
verwandelt und zur Bezahlung von Beamtengehältern und für 
die inneren Staatsausgaben verwendet wird. Je schlechter also 
das Papiergeld, desto mehr kann die Regierung davon für ihre 
Goldüberschüsse kaufen. Es bilden demnach ‘diese Tatsache 
und die Steigerung der Einfuhr von Luxusartikeln und Gegen- 
ständen des unproduktiven Verbrauchs, die am meisten be- 
steuert sind, zwei nationale Mißstände, aber zwei wichtige 
neue Faktoren für das fiskalische Gedeihen Argentiniens. 
Der Umstand, daß in Argentinien die indirekten Steuern 
die direkten im Maßstab von über 75 % überwiegen, beweist, 
daß das System der Staatseinkünfte außerordentlich schlecht 
ist. Die indirekten Steuern allein sind sehr ungerecht, denn 
sie zwingen den armen Verbraucher eines Artikels zu den- 
selben Abgaben an den Staat wie den reichen. Es wird 
nun von den Anhängern des herrschenden Steuersystems 
geltend gemacht, daß die Unbemittelten nur ihren Verbrauch 
einzuschränken hätten, um von der Steuerlast frei zu sein. 
Dies ist aber einfach unmöglich, da so gut wie alle für das 
tägliche Leben nötigen Gegenstände, die teilweise gar nicht 
im Lande hergestellt werden, den Einfuhrzöllen und den 
Verbrauchssteuern unterliegen, also. sehr teuer sind und trotz- 
dem gekauft werden müssen. Es wird deshalb dringend ge- 
wünscht, daß die indirekten Steuern in Abstufungen erhoben 
% Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats Buenos 
Aires 1905. 
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