Full text: Die Entwickelung der Fabrikindustrie im lateinischen Amerika

Argentinien. 
l. Teil:(S. 66) darauf hingewiesen worden, daß die Regie- 
rungen der lateinisch - amerikanischen Länder vielfach, um 
den rein fiskalischen . Charakter : der Einfuhrzölle zu ver- 
Schleiern, den Schutz der nationalen Industrie vorschieben, 
daß aber in den meisten dieser Länder eine nationale Indu- 
strie nicht vorhanden ist, ‚sondern in der Hauptsache eine 
landangesessene ausländische Industrie und daß die inländische 
Industrie in ihren Leistungen noch recht erheblich zurück- 
steht, so daß man ohne Einfuhr aller Gegenstände nicht aus- 
kommt. Ein Schutzzollsystem zum Schutze einer aufblühen- 
den nationalen Industrie ist gewiß gerechtfertigt, aber es muß 
dann verlangt werden, daß diese Industrie sich bestrebt, ‚die 
zu ihren Gunsten durch Schutzzölle vom Markte vertriebenen 
auswärtigen Fabrikate durch vollwertige eigene zu ersetzen. 
Wie weit aber die argentinische Industrie hinter dieser Pflicht 
zurückbleibt, geht aus einigen Ausführungen der vorstehen- 
den Übersicht über die argentinische Fabrikindustrie deutlich 
hervor. 
Es ist überhaupt vom volkswirtschaftlichen Standpunkte 
aus ein Unding, eine aufkommende Industrie von Anfang an 
durch Schutzzölle hochbringen zu wollen. Auch bei uns trat 
der wirksame Zollschutz erst ein, nachdem die Industrie eine 
recht bedeutende Leistungsfähigkeit bewiesen und gezeigt 
hatte, daß sie imstande war, den Inlandsmarkt quantitativ 
und qualitativ ebensogut zu versorgen wie das Ausland 
durch seine Einfuhr. Auf diesen Stand der Entwickelung 
muß die Industrie im wesentlichen durch eigene Kraft kommen. 
Schützt man sie zu früh durch hohe Zölle, so treten sehr 
bald zwei nachteilige Folgeerscheinungen auf: einmal fühlen 
die Fabrikanten, befreit von dem Wettbewerb ausländischer 
Waren, keinen Antrieb mehr zur Verbesserung ihrer Erzeug- 
nisse und die Konsumenten kaufen schlechte Ware, wie das 
argentinische Beispiel beweist; ferner muß, da die Industrie 
den Inlandsverbrauch nicht deckt, viel ausländische Ware 
eingeführt werden, die dann durch den Zoll sehr teuer wird. 
Der inländische Fabrikant verkauft nun, selbst wenn er billig 
produziert, seine Ware zu dem Preis der mit Zoll belegten 
eingeführten Ware; der Konsument kauft also nicht nur 
Schlecht, sondern auch teuer, wie wiederum das argentinische 
Beispiel zeigt. Der Zollschutz dient mithin neben der Bereiche- 
rung des Staates hauptsächlich dem Vorteil der Fabrikanten, 
bildet aber eine schwere Schädigung der Konsumenten. Es 
ist deshalb — und dies gilt besonders für Argentinien — 
durch Anderung des ganzen Wirtschaftssystems der Industrie 
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