Argentinien.
eine Verbilligung der Produktion zu ermöglichen, mit der die
Höhe der Zölle in Einklang zu bringen ist. Erst dann wird
der Schutzzoll volkswirtschaftlich gerechtfertigt, da erst damit
eine wirkliche Leistungsfähigkeit der Industrie und der
Zweck der Schutzzölle, die Unabhängigkeit vom
Auslande, erreicht wird. Die Gesichtspunkte für die Anderung
des Wirtschaftssystems sind an vielen Stellen dieser
Ausführung angegeben.
Das Schutzzollsystem ist vielfach nicht aus der Staatlichen
Fürsorge für die Industrie, sondern aus einer das Land
schädigenden Interessenwirtschaft hervorgegangen, die‘ nur
durch die politische Einteilung des Landes erklärt werden
kann. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die Bevölkerungszahl
der argentinischen Provinzen ist zu verschieden,
als daß ihre Interessen durch Anordnungen einer Zentralbehörde
einheitlich und sachgemäß vertreten werden könnten.
Alle Provinzen haben durch ihre Vertreter dieselben Rechte
im Kongreß, doch nur die reichen Provinzen erzeugen die
Staatseinnahmen, aber die armen verfügen darüber, da sie
auf der Basis des Zensus von 1869 eine große Maiorität in
die Kammern schicken. Dieser verdankt Argentinien außer
anderen wirtschaftlichen und finanziellen Ungeheuerlichkeiten
die schlimmste von allen, nämlich die fiskalischen Schutzzölle
auf Zucker, die schwer auf dem Konsumenten lasten.
Wenn nun auch durch den Zensus von 1895 manches besser
geworden ist, So bleibt es doch den Industriellen leicht, eine
Majorität für die ihnen günstigen Beschlüsse zu bilden, indem
sie die Vertreter der Provinzen, die nichts zu verlieren und
zu bieten haben, am Gewinn ihrer Fabriken beteiligen und
damit ihre Stimmen erkaufen. Wenn man erfährt, wie die
Schutzzollgesetzgebung in Argentinien zustande gekommen
ist und wie wenig die Industrie dafür leistet, muß man seine
Ansichten über die Berechtigung der an sich gewiß nicht
Ohne weiteres zu verurteilenden Prohibitivzölle für den besonderen
Fall Argentiniens etwas ändern. Der Staat findet
mit diesem System ziemlich mühelos seine Rechnung, und
während er den moralischen Beweggrund des Schutzes der
nationalen Industrie durch Zölle laut verkündet, kennt er
genau die geringe Leistungsfähigkeit dieser Industrie, die
noch eine gewaltige Einfuhr aller Gegenstände notwendig
macht, aus der der Staat seine Haupteinnahmen zieht, Das
volkswirtschaftliche Interesse muß also weit hinter dem fiskalischen
zurückstehen. Man ist versucht, bei der Betrachtung
dieser Entwickelung nach gleichartigen Vorgängen in
159