Die Republik Chile.
gut verwenden lassen. Die Schafzucht, die seit etwa 20 Jahren
im patagonischen Kamp betrieben wird, hat der Stadt Punta
Arenas die erste Bedeutung verliehen. Die Schafe des
chilenischen Patagonien und Feuerlandes schätzt man auf
2 500 000 *) bis 4175 000 Stück?). Das Durchschnittsprodukt
der Wolle betrug 1905 etwa 2! kg pro Kopf und der
Durchschnittspreis 10—12 d. für das englische Pfund. Seit
einigen Jahren besteht bei Punta Arenas eine von einer
englischen Aktiengesellschaft gegründete Fleischgefrieranstalt,
die jährlich 200—250 000 Hammel in gefrorenem Zustande
ausführt, die in London einen Durchschnittspreis von 3 s.
für 3 engl. Pfund erzielen!). Diese Fabrik’ ist den Farmern
von unschätzbarem Nutzen, doch sollten noch 2—3 weitere
errichtet werden, um die Masse der Tiere aufzunehmen, die
von den Farmern jährlich verkauft werden müssen.
In dem Betrieb der Viehzucht vollzieht sich neuerdings
ein Umschwung. Während bisher die Landstrecken Pata-
goniens nur leihweise an die Farmer überlassen waren, hat
die Regierung vor etwa sechs Jahren angefangen, das Land
in Auktion zu verkaufen und damit von In- und Ausländern
überraschend hohe Preise erzielt. Neuestens nun macht sich
auch hier der Großbetrieb stark geltend, indem kapitalkräf-
tige Gesellschaften und Syndikate. die kleinen Farmer ver-
drängen. Da noch ungeheuere für die Schafzucht geeignete
Flächen zur Verfügung stehen, verspricht man sich von
diesem Zweig der landwirtschaftlichen Industrie reiche Ein-
nahmen. Zu betonen. ist hierbei, daß ein großer Teil dieser
neuen wertvollen Betriebe mit chilenischem Kapital angelegt
wurde, daß also die Erträgnisse großenteils im Lande bleiben
und zu weiteren landwirtschaftlichen und industriellen Unter-
nehmungen Verwendung finden können.
Die Landwirtschaft ist bis jetzt als eine Einnahmequelle
Nicht anzusehen; sie kann aus klimatischen Gründen nur in
den Mittelprovinzen betrieben werden, hat also eine begrenzte
Betriebsfläche und deckt noch nicht den Landesbedarf, so
daß alljährlich die Einfuhr von Getreide nötig wird. Bei einer
Anderung der Besitzverhältnisse — Latifundien — und inten-
siverem Betrieb wäre hier viel mehr zu leisten, wenn auch
Chile niemals in die Reihe der Getreide ausführenden Länder
wird eintreten können. Bezeichnend für die Verhältnisse ist
1) Bericht des K. u. K. Österr.- Ungar. Konsulats in Punta
Arenas über das Jahr 1905.
?) Berichte über Handel und Industrie, Band 8, S. 764.
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