Die Republik Chile.
inländischen Bedarfes einen wesentlichen Handelsartikel auf
dem Weltmarkt bilden könnten, wie dies bei den argentinischen
Bodenerzeugnissen der Fall ist. Ein erschließbares Hinter-
land, wie es Argentinien in seinen ungeheueren noch anbau-
fähigen, aber bis jetzt ungenützten Gebieten hat, besitzt Chile
nicht, es kann also seinen Handel nicht auf eine so gewal-
tige Ausfuhr von, zunächst noch beliebig vermehrbaren Boden-
erzeugnissen stützen wie die Östliche Nachbarrepublik. Auch
die Lage des Landes im Welthandel ist nicht so. günstig wie
die Argentiniens. Von Europa her ist es nur um die Süd-
spitze Amerikas herum, auf langer nicht immer ungefährlicher
Reise erreichbar; die Front’des Landes ist nach dem Stillen
Ozean und dem der’Alten Welt für den Handel nicht gleich-
kommenden Osten von Asien gerichtet. Chile wird also aus
rein geographischen Gründen seiner Abgeschlossenheit vom
Lande wegen auf die See gewiesen‘) und auf den durch
diese getragenen Handel. Es wiederholt sich hier die Rolle,
die Phönizien im Altertum spielte, dessen Bewohner eben-
falls durch die Schmalheit und Ertragslosigkeit ihres Gebietes
auf die See getrieben wurden. Beide Beispiele sind geeignet,
die allgemeine Annahme zu widerlegen, daß eine reich ent-
wickelte Küstengliederung die Menschen zur Schiffahrt ge-
drängt habe. Bei den Phöniziern kann man -eher sagen,
daß sie trotz der Schlechten, der Schiffahrt sehr ungünstigen,
ungegliederten Küste bedeutende Seefahrer geworden sind,
da die Not sie hinaustrieb. Ahnlich wird es bei Chile werden.
Die kurze Zeit seit seiner Losreißung von Spanien hat ge-
nügt,. um diese Republik in den Besitz der besten Kriegs-
flotte unter den lateinisch-amerikanischen Staaten zu bringen,
und wenn die zahlreiche nationale Handelsflotte sich zunächst
hauptsächlich auf kleine Schiffe beschränkt, so liegt das an
dem Mangel an Mitteln, die sich nur allmählich bilden können.
Durch einen Umstand aber”unterscheidet sich Chile — ganz
abgesehen von der Ausdehnung — wesentlich von Phöni-
zien. Während dieses Land, durchaus arm .an eigenen Er-
zeugnissen, ausschließlich auf den Zwischenhandel angewiesen
war, hat Chile Bodenschätze, die ihm jährlich große Summen
in das Land bringen und die Grundlage seines wirtschaft-
lichen Aufblühens bilden, wenn auch seine Entwickelung zuü-
nächst noch an das fremde Kapital gebunden ist. Diese
Bodenschätze sind die in den. wüstenartigen Nordprovinzen
gelegenen Mineralschätze. Die Salpeter- und Boraxlager sind
1) Ratzel: Politische Geographie S. 625.
1809