Die Republik Chile.
Verhältnisse für fremde Kolonisten noch sehr wenig geregelt
sind, wird durch die Konsulate von der Einwanderung in
Chile abgeraten. Hier liegt ein entschiedener Fehler von
seiten der sonst bezüglich der Hebung der wirtschaftlichen
Verhältnisse des Landes umsichtigen Regierung vor, und alle
Versuche, Landwirtschaft und Industrie zu heben, müssen
einfach an der Arbeiterfrage scheitern. Die Anzahl der Ein-
wanderer betrug von 1901 bis 1905 nur 14000 Personen).
Die lateinisch-amerikanischen. Länder sind nun einmal
darauf angewiesen, ihre Bevölkerung schnell zu' vermehren,
und zwar in rascherem Tempo als die alten Industrieländer,
denn sie haben unendlich viel nachzuholen, um nur einiger-
maßen den Wettbewerb auf wirtschaftlichem Gebiet aushalten
zu können. Dazu gehören aber in erster Linie Menschen,
einmal als Hilfskräfte der Produktion und dann als Kon-
sumenten. Solange die Bevölkerung nur so langsam zu-
nimmt und die Einwanderung in so geringem Maße statt-
findet, wie gegenwärtig, nützen alle Anstrengungen zur Hebung
der Fabrikindustrie nichts, Die Bedürfnisse einer größten-
teils armen, noch nicht 4 Mill. Köpfe zählenden Bevölkerung
sind schnell befriedigt; nimmt die Bevölkerung nicht zu, so
ist die Entwickelung der Fabrikindustrie ausgeschlossen. Aus
verschiedenen Berichten®) geht deutlich hervor, daß es in-
ländischen Fabriken trotz aller Anstrengung nicht gelingt,
den Inlandsmarkt zu befriedigen, einfach, weil sie nicht die
für eine Vergrößerung des Betriebes nötigen Arbeiter auf-
treiben können. Andere Fabriken dagegen finden nicht ge-
nügenden Absatz im Lande. Diese Schwierigkeit kennt die
Regierung wohl, und sie‘ sucht deshalb die Fabrikindustrie
zur Produktion für die Ausfuhr zu ermuntern, was ihr bis
zu einem gewissen Grad gelingt, indem hauptsächlich die
Nahrungsmittelindustrie angefangen hat, die nördlichen Nach-
barländer mit ihren Erzeugnissen zu versorgen.
Die Produkte?) der chilenischen‘ Industrie sind teils Er-
zeugnisse wirklicher chilenischer Landesindustrie, die die
Rohmaterialien des Landes oder auch — wie bei den euro-
päischen Industrien — eingeführte Rohmaterialien bis zum
fertigen Gebrauchsartikel verärbeitet, teils sind die Waren
Erzeugnisse einer durch die Schutzzollgesetzgebung in den
1 Berichte über Handel. und Industrie. Band 9, S. 646.
°) Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats in Val-
paraiso über das Jahr 1904.
3) Zoepfel: „DMie Fabrikindustrie Chiles‘“. Berichte über
Handel und ndusirig Band 7, S. 335.